Die Eweer
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Die Eweer
Schilderung von Land und Leuten in Deutsch-Togo
von
Jakob Spieth,
ilissionar der Norddeutschen Missionsgesellscliaft.
Sonderabdruck
aus
Die Ewe-Stäinme
Material zur Kunde des Ewe-Volkes in Süd-Togo.
Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin.
Mit 66 Bildern nnd 5 Karten.
Bremen 1906.
In Kommission bei der Norddeutsehen Missions-Gesellschatt.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von J. J. Au2; ustin in Glückstadt.
Yo r w o r t.
In dem großen Werke unseres Missionars Jakob Spieth „Die
Ewe-Stämme, Material zur Kunde des Ewe-Volkes in
Deutsch-Togo", bilden die nachfolgenden Schilderungen über Land
und Leute der Eweer die ersten drei Abschnitte der Einleitung, deren
Sonderabdruck die Verlagsfirma Dietrich Reimer (Konsul Ernst Vohsen)
in Berlin in entgegenkommender Weise gestattet hat. Der vierte kurze
Abschnitt ist von dem Unterzeichneten hinzugefügt.
Da eine möglichst genaue Kenntnis des Bodens, auf den der Same
des göttlichen Wortes ausgestreut werden soll, eine der Grundvoraus-
setzungen aller missionarischer Arbeit ist, hat Missionar Spieth während
seines mehr als zwanzigjährigen Aufenthaltes im Ewelande sich eifrig be-
müht, die Eigenart und die Verhältnisse des Ewe-Volkes in Vergangen-
heit und Gegenwart möglichst genau zu erforschen. So sammelte er ein
zumeist in der Landessprache niedergeschriebenes, umfangreiches Material
über die Geschichte und Rechtsordnungen, die sozialen und wirtschaft-
lichen Verhältnisse, vor allen Dingen aber über das Geistesleben der Ewe-
stämme. Die Norddeutsche Missions-Gesellschaft in Bremen konnte dank
der Unterstützung der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes sowie
der Herren Konsul Vohsen und Professor Meinhof in Berlin ihren Missionar
Spieth veranlassen, einen Teil dieser von ersten Autoritäten als hochbe-
deutsam gekennzeichneten Sammlungen in der deutschen und Ewesprache
zu veröffentlichen.
Hiermit dürfte nicht nur der Mission und dem Ewevolke, das auf
diese Weise einen großen Teil seines geistigen Besitzes durch die Mission
gedruckt in die Hand bekommt, sondern auch der heimischen Wissen-
schaft und der Kolonisation Togos ein bedeutsamer Dienst geleistet sein.
Auch ist vielleicht zum ersten Male die vollständige Monographie eines
westafrikanischen Volkes in die Wege geleitet. Es wäre daher sehr zu
wünschen, daß die IX. Resolution des Deutschen Kolonial-Kongresses 1905
IV Vorwort.
nicht umsonst gefaßt sei, derzufolge die Bereitstellung von weiteren Mitteln
zur Drucklegung der Spieth'schen Sammlungen und des dazu gehörigen
Wörterbuches von Westermann befiirwoi'tet wurde.
Die nachfolgenden, kurz zusammenfassenden Mitteilungen werden
hoffentlich manchen Leser, namentlich diejenigen, die als Beamte und
Techniker, als Kaufleute und Pflanzer, als Forseher und Missionare nach
Togo gehen oder die daheim aus A^^ssenschaftlichem und kolonialem Inter-
esse unsere Eweer gi*ündlich kennen lernen wollen, veranlassen, das
Quellenwerk selbst zu studieren. Den Eindruck aber werden alle gewinnen,
daß die Eweer ein Volk sind, dessen geistige und religiöse Eigenart eine
gute Bürgschaft bildet für eine erfolgreiche Arbeit der Mission, des Handels
und der Kolonisation. Mögen diese Kidturfaktoren sich ihrer gemeinsamen
Aufgaben immer mehr bewußt werden und allseitig die Unterstützuu«- finden,
die sie verdienen zur Hebung des Ewevolkes und damit zur Förderung
unserer Togokolonie !
Bremen, Ende September 1906.
A. W. Schreiber, Missions-Iuspektor.
Inhalt.
Die Eweer.
Seite
Erstes Kapitel: Das Land der Eweer 1
I. Lage, Grenzen und politische Zugehörigkeit 1
IL Geographische Verhältnisse 4
1. Gliederung des Landes 4
2. Die Gewässer 11
3. Das Klima 12
III. Pflanzen und Tierwelt . 15
1. Die Pflanzenwelt 16
2. Die Tierwelt 21
Zweites Kapitel: Die Laudschaften und Siedlungsverliältnisse der
Eweer 25
I. Landschaften 25
1. Küstenlandschaften 25
2. Landschaften in der Ebene 30
3. Die Berglandschaften 40
IL Siedlungsverhältnisse 42
Drittes Kapitel: Das Yolk der Eweer 47
I. Die geschichtliche Vergangenheit 47
IL Die Kultur 48
A. Die materielle Kultur 48
1. Der Ackerbau 48
2. Die Viehzucht 50
3. Das Handwerk 50
B. Die geistige Kultur 51
1. Die Sprache 51
2. Die Kunst 54
III. Die Famihe 56
1. Die Ehe 56
2. Die Stellung der Frau 59
3. Die Kinder 62
Sil Inhalt.
Seite
IV. Die Religion 62
A. Die religiösen Vorstellungen 62
1. Die Götter 62
a. Die Himmelsgötter 63
b. Die Erdengötter 6S
c. Die persönlichen Schutzgötter 65
2. Die Zauberei ()(>
a. Die Zauberei im Privatleben 67
b. Die Zauberei im Rechtsleben 68
3. Der Mensch 69
a. Abstammung 69
b. Beschaffenheit 70
c. Das Lebensziel 70
B. Kultus 70
1. Verehrung der Himmelsgötter 70
a. Verehrung des „großen Gottes" 70
b. Verehrung der Götter Sodza und Soghle . . 72
2. Verehrung der Erdengötter 72
3. Verehrung der persönlichen Schutzgöttcr .... 74
4. Ahnenkult 74
Viertes Kapitel: Die Erscliließuiig des Landes 75
I. Die Norddeutsche Missions-Gesellschaft 75
IL Der Handel 79
III. Die römisch-katholische Mission 81
IV. Die deutsche Kolonisation 83
Die Eweer
Schilderung von Land und Leuten
in Deutsch-Togo.
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Die Eweer.
Erstes Kapitel.
Das Land der Eweer.
I. La§e, Grrenzen und politische Zugehörigkeit.
Vor drei bis vier Jahrhunderten machte sich au der Sklavenküste
Westafrikas die Volke rfamilie der Eihe&v ansässig und ließ sich,
von XO. herkommend, zwischen Mono und Volta nieder. Im Süden wird ihr
Gebiet von dem atlantischen Ozean bespült und erstreckt sich an seiner
Westgrenze etwa bis zum 7., an seiner Ostgrenze dagegen bis zum 8. Grad
nördlicher Breite.
Die östlichen Nachbarn der Eweer sind die ihnen stammverwandten
Einwohner von D ahome, von welchen sie nur durch den MonoüuQ getrennt
sind. Im Westen ist der Volta die natürliche Grenze zwischen ihnen und
den Adanmeevn^ Geern und 2\iern. Die Nordgrenze ihrer Wohnsitze wird
durch die Nordgrenze der Landschaften Kpa7ido, Alavanyo, Gbidzighe,
Fodome, Däi/i und Kpele gebildet. In KpeU macht die Grenze unter Aus-
schluß der Landschaft Akposo eine scharfe Wendung nach Norden, bis sie
in Kpetsi (Pessi) und Anyana die nördlichsten Glieder des EwsYoXke?,
erreicht.
Die beiden Kolonialmächte England und Deutschland haben
sich so in den Besitz des £'irelandes geteilt, daß England eine kleine Ecke
im Südwesten auf dem linken Voltaufer, Deutschland dagegen das ganze
übrige Gebiet bis zum Mono, dem Grenzfluß nach dem französischen
Dahome hin, besitzt.
Ihren Namen Togo hat die deutsche Kolonie nach einem gleich-
namigen Stamm an der Lagune hinter Porto Seguro erhalten , der im
Jahre 1884 zuerst die deutsche Flagge annahm. Die Küste der Kolonie
ist nur 50 km lang. Die Ostgrenze Togos bildet bis zum 9. Breitegrad
2 Erstes Kapitel.
eine ziemlich gerade Linie, die Westgrenze dagegen verläuft in ver-
schiedenen Zickzacklinien hinter dem englischen Gebiet nach Nordwesten,
bis sie sich an der Mündung des Däyi unter 6° 40' so mit dem Volta
vereinigt, daß der Flußlauf selbst der englischen Goldküste angehört. Auf
einem Flächenraum von 87 200 qkm sollen 1500000, demnach auf
1 qkm rund 17 Menschen wohnen. Vergleicht man die Bevölkerungs-
ziffer der andern deutschen Kolonien Afrikas damit, so zeigt sich, daß
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Die Gold- und SklaTenküste mit den deutschen, englischen
und französichen Kolonien.
Togo unter allen die weitaus bevölkertste Kolonie ist. Die folgende
Zusammenstellung mag das klar machen :
Land :
qkm: Einwohner:
Auf 1 qkm :
1.
2.
3.
4.
Togo:
Kamerun:
Südwest- Afrika:
Ost- Afrika:
87 200 1500 000
495 600 (= Deutsch. Reich) 3 500 000
835 100 (= 1 'A D. R.) 200 000
995 000 (= 2 D. R.) 7 000 000
17
7
4
7
«3 :o
a a
«3 c«
« a
4 Erstes Kapitel.
Wird zugegeben, daß die Bevölkerung einer Kolonie ihr größter Reichtum
ist, so ist Togo nicht nur die fruchtbarste, sondern auch die reichste aller
deutschen Kolonien Afrikas. Es darf uns daher nichts gereuen, was wir
an Arbeit und Kapital für Togo einsetzen.
II. (jeoffrapliisclie Verhältnisse.
1. Gliederung des Landes.
Das Eiceland als Ganzes betrachtet, stellt ein großes, stumpf-
winkliges Dreieck dar, dessen Grundhnie im Süden die Küste ist. Dieselbe
reicht nach Westen hinüber in das englische Gebiet. Der stumpfe Winkel
Kästenlandschaft mit Palmenhain.
wird im Osten durch Jiowomündung und Küstenlinie gebildet. Die dem
Winkel gegenüber liegende Seite aber ist die von Südwesten nach Nord-
osten verlaufende Bergkette im Inland. Diese Fläche wird von den Ein-
gebornen in Küste (ihuta), Ebene (weme) und Bergland (tome) geteilt.
Die Küste besteht aus einer 10 — 30 Minuten breiten, unfruchtbaren
Sandbank, die sich von der Mündung des Volta bis zur Mündung des
Mono und weit über dieselbe hinaus nach Osten erstreckt. Auf der ganzen
Länge dieses Sandgürtels stehen viele Dörfer. Diese sind von dichten
Kokoshainen umgeben, die den Dörfern Schatten und der Küste ein
schönes Aussehen verleilien. Auf dieser Sandbank liegen auch die Handels-
städte Aneho, Lome und Keta.
Das Land der Eweev. g
Landeinwärts und unmittelhar hinter diesem Sandstreifen senkt sich
das Land zu einer talförmigen Mulde, die, durchschnitdich 100 — 150 m
breit, sich an drei Stellen beckenartig erweitert und die Lagunen von
Keta, Togo und AneJio bildet.
Die Ebene beginnt mit den an diese Mulde angrenzenden Land-
schaften, welche von den Eingebornen ihego, „Ebenegebiet", genannt werden.
Man unterscheidet sie damit von ibugo^ der eigenthchen Küste oder dem
„Seegebiet". Im Osten erstreckt sich die Ebelio etwa -240 km landein-
6
Erstes Kapitel.
wärts, im Westen dagegen, wo das Gebirge sich der Küste nähert, ist sie
nur 40 — 45 km breit, bis sie sich auf dem rechten Vohaufer im englischen
Gebiet allmählich zuspitzt. Von Osten nach Westen hat sie eine Breite
von 190 — 200 km und umfaßt das ganze Gebiet zwischen Volta- und
Monoüuß. Von den nördlichen Lagunenufern aus, die 17 — 25 m über dem
Meere liegen, erhebt sich das Land in sanft ansteigenden Wellenlinien bis
zu 170 m in Ho, 250 m in Kpalime und 220 m in Kjjetsi (Pessi). In dieser
Ebene wechseln große Grasflächen mit niederem, aber dichtem Gesträuch,
über das sich einzelne knorrige Bäume, Affenbrotbäume und Fächerpalmen
erheben. In ihren östlichen Gebieten finden sich schöne ölpalmenwälder,
in denen die Eineebornen ihre Yams- und Maisäcker, sowie Bananen-
SaTanneiigebiet.
Pflanzungen anlegen. Je weiter man landeinwärts kommt, um so belebter
wird die Natur besonders in der Nähe der Flüsse, deren Ufer gewöhnlich
mit dichtem Laubholz bewachsen sind. Dort wechselt die öde Savanne
mit scharf abgeschnittenen Hainen, sogenannten Galeriewäldern. Der südliche
Teil der Ebene ist sehr wasserarm, weshalb ihre Bewohner in regenarmen
Zeiten oft stundenweit an Flüsse oder sumpfige Orte gehen, um Wasser
zu holen, das gewöhnlich schmutzig zu sein pflegt. In ihren Gehöften
haben sie deswegen beckenartige Vertiefungen angebracht, die sich in der
Regenzeit mit Wasser füllen. Dieses wird dann in große Tontöpfe geschöpft,
mit Asche bestreut und sorgfältig mit weichem Ton gegen die Luft ab-
geschlossen.
Das Land der Eweer.
Die Berge (tome) , welche der Volta im Südwesten bei Akwamxi
durchbricht, teilen sich dort in zwei Bergzüge, die parallel miteinander nach
Nordosten verlaufen und bis hinauf nach Avatime Kammgebirge sind, die
keinen oder nur wenig Raum zu Wohnstätten bieten. In der Nähe von
Avatime vereinigen sie sich und bilden den Gebirgsstock von Kpqeta-Agome,
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der sich in nordöstlicher Richtung bis ATc^ooso erstreckt. Dieser Gebirgszug
gleicht einem mächtigen Wall, der das ganze Eihelsindi von Südwesten nach
Nordosten quer durchschneidet und in eine südliche und nördliche Ebene
teilt. Je weiter nach Norden, um so höher und breiter wird das Gebirge.
Einen gemeinsamen Namen hat es nicht. Diejenigen Gebirgsteile und
8
Erstes Kapitel.
einzelnen Bergspitzen, die einheimische Namen haben, wurden nicht aus
geographischem, sondern aus religiösem Interesse benannt. Dazu gehören
z. B. der 200 m hohe Eweherg im Südwesten bei AivuJome, der 800 m hohe
Gemi in Avatime und wahrscheinlich auch der 990 m hohe Bacjlu in Dä>ii u. a.
Der Bergzug mit seinen bewaldeten Hängen, lieblichen Tälern, Quellen
und Bächen ist die Wasserscheide für die nach Süden und nach Norden
ablaufenden Gewässer, von denen einzelne auf dem Nord- und Südabhang
über 100 — 140 m hohe Felspartieen brausend und schäumend in die Ebene
hinunterstürzen .
Die Bedeutung dieses Bergzuges für das Volksleben
zeigte sich früher auf dem Gebiete des Handels, der Geschichte und der
Religion. Über das Gebirge führten nur wenige Pässe, schmale Saumpfade,
Der Adakluberg- von Süden (zu S. 10).
auf denen der Fußgänger sehr ermüdete. Infolgedessen hatten die nördlich
von dem Gebirge wohnenden Stämme mehr Handelsverkehr mit der
Goldküste, die sie auf ebenem Wege erreichen konnten. Die aus dem
Innern kommenden Handelskarawanen trieben ihre Viehherden leichter
nach Akra hinüber als an die Küste des ii'irglandes. Das hat sich alles
geändert, seitdem die deutsche Regierung den Wegebau kräftig in die
Hand genommen und die Pässe zu gangbaren Bergstraßen umgewandelt
hat. Die historische Bedeutung des Bergzuges tritt besonders in
verschiedenen, teilweise noch gut erhaltenen Ruinen zutage, die auf dem
spitzen Kammgebirge bei Tsito, an den Abhängen des Gemi und in dem
Hochwald von Avatime sich finden. Noch im Jahre 1869 suchte ein großer
Teil der von den Asanteevn verfolgten ^ttrstämme in dem geschlossenen
Das Land der Eweer.
Bergtal von Ghadzeme in Avatime eine Zuflucht. Hätte ihnen nicht ein
mit dem Tode bedrohter Mann aus Kpedze den Weg verraten, so würden
sie dort sicher gewesen sein. Als die Asonteev damals den Versuch machten,
die Abhänge^ des unbewaldeten GemiheYge^ zu besteigen, Avurden sie>on
den oben Wache haltenden Eiheern so mit Felsstücken beworfen, daß sie
mit starken Verlusten den Rückweg antreten mußten. Der Einfluß der
2
10
Erstes Kapitel.
Berge auf die Religion zeigt sieh darin, daß verschiedene Berggruppen.
Felsabhänge und Höhlen als Wohnsitze der Erdengötter gedacht sind. In
dem Sasanuherg z. B. erblicken die Matseer den Kopf der Erdschlange,
weshalb sein Gras nur vom Priester angezündet werden darf.
Südlich von diesem Bergzuge erheben sich an dem nördlichen Rande
der Ebene zwei mächtige Bergkegel, welche von der Sprache als
honoii'o , .,kinderlose Berge" bezeichnet werden. Der Ädaklu, in der
Nähe der Westgrenze Togos, hat eine Höhe von 550 m, ist aber im ganzen
holz- und wasserarm. Auf seiner Spitze soll sich zwar eine Quelle befinden,
die aber in trockenen Jahreszeiten versiegt. Am Fuße des Berges sind
Brücke über den Dayi bei Gbedzig-be - Hohoe (zu S. 11).
einige salzhaltige Quellen, die in regenarmen Jahrgängen ebenfalls ver-
trocknen. Der Berg mit seinen steilen Felspartieen nach Süden ist für die
weit in der Ebene zerstreut wohnenden Adakluev das Wahrzeichen gemein-
samer Abstammung und eines lebhaft empfundenen Stammesbewußtseins.
Etwa 50 — 60 km nordöstlich hegt der Aguherg^ der schon aus der
Ferne einen viel großartigeren Eindruck macht. Wie der Adaklu, so ragt
auch er ganz unvermittelt aus der Ebene empor und erreicht in der Bau-
mannspitze eine Höhe von 980 m. Obgleich holzarm, entspringen an seinen
Abhängen doch mehrere wasserreiche Quellen, die sich als starke Bäche
in der Ebene mit größeren Flüssen vereinigen. An seinem südwesthehen
Das Land der Eweer.
11
Abhang liegen die KebudörieT, das höchste bis zu 790 m über dem Meer.
Verschiedene Partieen des Berges werden als t)-d verehrt, und der ganze
Berg spielt in den Volkssagen eine bedeutende Rolle.
2. Die Gewässer.
Fließende Gewässer hat das Uihelsind zwar mehrere, aber außer
dem Unterlauf des Mano ist keiner seiner Flüsse schiffbar. In Däyi, an dem
Nordabhang des oben beschriebenen Bergzuges, entspringt der gleichnamige
Fluß Däyi. Er nimmt auf seinem Wege durch die nördliche Ebene eine große
Dorf am Laguneuufer unter Kokospalmen (zu S. 12).
An den beiden Stangen sind Netze zum Trocknen ausgehängt.
Anzahl von Quellbächen in sich auf und ergießt sich unter 6^ 40' in den Volta.
Auf der Südseite des Gebirges und am Agu entspringen die Flüsse Tsaicoe,
Todzie, Zio und Ha ho. Außer dem Tsawoe, der sich in den Volta
ergießt, münden die andern alle in die Lagunen am Südrand der Ebene.
Der Tiydzie mündet in die Ketalagune^ Zio und Haho speisen den Togosee.
Charakteristisch ist die Erscheinung, daß nur die bedeutenden Wasser-
massen des Volta die Kraft haben, die Sandbank an der Küste zu durch-
brechen und sich unmittelbar in die See zu ergießen. Der geringe Wasser-
stand und der träge Lauf der andern Flüsse sind wohl die Ursache, daß sie
die Nehrung nicht zu durchbrechen vermögen. Ihre Schlammanschwemmung
2*
J2 Erstes Kapitel.
verbreitert die Sandbank zwischen Meer und Lagune und bereichert sie
mit Humusbestandteilen.
Stehende Gewässer hat das Eweland außer den Lagunen keine.
Die Ketal&gnne ist ungefähr 40 km lang und 14 km breit. Sie ist
die größte unter allen, vertrocknet aber von Zeit zu Zeit, so daß die
Eingebornen trockenen Fußes hindurchgehen können. In ihrem Bett
gewinnen sie Salz, das als bedeutender Handelsartikel bis weit in das
Innere hinein verkauft wird. Die Togolagune hinter Porto Seguro
nähert sich dem Meer auf etwa 600 m. Bei einer Länge von 11 und
einer Breite von 5 km hat sie eine Tiefe von 2 — 2V2 ^- Sie ist nicht
salzhaltig und trocknet nie aus. Die Folagune hinter Aiieho ist die
kleinste unter allen und wird hauptsächlich durch den Togoaee gespeist,
mit dem sie durch einen etwa 100 m breiten Arm in Verbindung steht.
3. Das Klima.
Dieses teilt die charakteristischen Merkmale der klimatischen Ver-
hältnisse, welche jenen Ländergebieten eigen sind, deren Küstenlinie nicht
von Norden nach Süden, sondern von Westen nach Osten sich erstreckt.
Andauernde Hitze, die an der Küste eine Mitteltemperatur von 26,5 0,
in Misahöhe bei einer Meereshöhe von 460 m eine solche von 24,2° er-
reicht, ist das empfindlichste Zeichen jenes Tropengebiets. Wie erschlaffend
ein Klima wirken muß, in welchem, wie z. B. in Bo, ein Tag im April
mit 26° C. beginnt und mit genau demselben Wärmestand schließt, während
er mittags 2 Uhr zuweilen 31 — 33 ^ erreicht, kann sich jeder vorstellen,
der schon unter einem heißen Sommer in Deutschland geseufzt hat. Eine
andere Eigenart des Klimas besteht in dem oft sehr schroffen Wechsel
der Temperatur. Während vor einem ausbrechenden Gewitter die drückendste
Schwüle herrscht, Avird in Bo die Atmosphäre während seiner Dauer bis auf
170 abgekühlt. Diese Wechsel sind für die an Wärme gewöhnten Europäer
und Eingeborne sehr empfindlich. Der frische Seewind, der au der Küste
im Laufe des Vormittags eintritt, mildert die Temper^itur und macht die
Hitze erträglicher.
Unsere vier Jahreszeiten kennt man dort nicht. Die am stärksten
sich unterscheidenden Jahreszeiten sind Regenzeit und trockene Zeit.
Die Regenzeit folgt im allgemeinen dem höchsten Sonnenstand in den
ersten Wochen des April und dauert 3 — 4 Monate. Sie erreicht im
Monat Juni oder Juli ihren Höhepunkt; darauf folgt eine verhältnismäßig
trockene Zeit, welche Ende Juli oder Anfang August beginnt und sich über
den Monat September ausdehnt. Mitte September erreicht die Sonne
wieder ihren höchsten Stand, worauf die kleine Regenzeit im Oktober
einti'itt und bis in den November dauert. Wie verschieden die Regen-
verhältnisse zwischen der Küste und dem Innern sind, geht daraus hervor,
daß man im Jahre 1902 auf der Plantage Kpeme an der Küste 90, am Ag^i
in Mittel -Togo dagegen 122 Regentage zählte. In gleichem Verhältnis
steht die Regenmenge mit 532,1 mm an der Küste und 1305,6 mm Regenfall
am Agit. Die große trockene Zeit herrscht während unseres hiesigen
Winters von Dezember bis Februar. Es ist das die sogen. Harmattan-
Das Land der Eweer.
13
zeit, in welcher ein vom Nordosten kommender trockener und kalter
Wind bläst. Derselbe führt Wüstensand mit sich und ist von einer
dunstigen, trockenen Atmosphäre begleitet. Der Himmel ist in Dunst
gehüllt, so daß alle Fernsicht verhüllt ist, und man in die Sonne, die als
eine blaßrote Scheibe steht, ohne den geringsten Schmerz sehen kann.
Der Wind zieht die Haut zusammen und läßt sie aufspringen, Türen und
Fensterläden, sowie alles hölzerne Gerät schrumpfen zusammen; von den
Möbeln springt die Furnitur ab, die Einbände der Bücher krümmen sich,
Hände und Lippen springen auf. Unter den Eingebornen gibt es während
der Harmattanzeit besonders häufig Lungenentzündung. Auffallend ist, daß
sich mit Wunden behaftete Eingeborne in der Hoffnung auf diese Zeit
Landschaft mit Affenbrotbäumen (zu S. 16).
freuen, daß sie ihnen Heilung bringen werde. Im Harmattan wird gewöhn-
lich auch die Beschneidung vorgenommen.
Da die klimatischen Verhältnisse einen nachweisbaren Einfluß auf
die religiösen Vorstellungen der Eiheer haben, so möge hier noch die
Beschreibung eines Gewitters folgen, die sich in „den Mitteilungen von
Forschungsreisenden und Gelehrten", Band HI, S. 23, findet. Dort
heißt es :
„Was die Tornados betrifift, so sind dieselben vor Eintritt der eigentlichen Regenzeit
von März bis Mai und mit dem Ende derselben im Oktober am häufigsten. Sie können
aber auch zu jeder andern Jahreszeit vorkommen, besonders bei Perioden großer Hitze,
welche eines der sichersten Anzeichen für dieselben bildet. Vor dem Ausbruch eines solchen
Sturmes herrscht gewöhnlich eine drückende Schwüle und eine ungewöhnliche Ruhe in der
Atmosphäre. Kein Blatt, kein Grashalm bewegt sich, das Insektenleben verstummt, selbst
SU
Das Land der Eweer.
15
die sonst so lauten Frösche, Heuschrecken und Grillen kommen zum Schweigen. Der
bisher blendend blaue Himmel trübt sich und überzieht sich mit einem schmutzig grau-
braunen Dunstschleier, der in der Himmelsrichtung, aus welcher das Unwetter losbrechen
wird, sich zu schweren, oft mit rötlichen Rändern versehenen, äußerst drohend geballten
Wolkenmassen verdichtet. Mit der weiteren Entwicklung des Phänomens bildet sich dann
am Horizont aus diesen Wolken ein einförmig graues, sich schnell vergrößerndes Segment
aus, das durch Kontrastwirkung gegen die darüber schwebenden, durch heftige Luftströmungen
unruhig sich bewegenden schwarzen Wolken fast weiß erscheint. Graue Wolkenfetzen jagen
voran, und bald erfolgen die ersten Windstöße aus der Richtung, in welcher das Segment
steht. Das Thermometer sinkt rasch, oft um 8 — 10^. Lebhafte Blitze, begleitet und gefolgt
von scharfen Donnerschlägen, entladen sich bald in rascher Reihenfolge ; in wenigen Augen-
blicken hat das Unwetter dann den Beobachter erreicht. Mit einem gewaltigen Stoß bricht
der Staub, Schmutz, Blätter und kleine Aste mit sich führende Sturm herein, von den ersten
Landesbrüeke, ein über die Flußufer liegender Baumstamm (zu S, 18).
großen Tropfen des bald in Strömen herniederstürzenden Regens begleitet. Unaufhörlich
leuchten die Blitze, der Donner rollt bald hoch und dumpf, bald in scharfen, krachenden,
die Erde erschütternden Schlägen, die Verfinsterung der Luft vermehrt den Schrecken des
Phänomens und läßt den Aufruhr, in dem sich die ganze Natur befindet, das unaufhörliche
Aufleuchten der elektrischen Entladungen, die bald nicht mehr zu zählen sind, um so
^chärfer hervortreten. Doch der Sturm dauert nicht lange; schon nach 10 oder 20 Minuten
ist er vorüber; aber der Regen hält oft noch stundenlang an, iind Blitze und Donner dauern
an allen Himmelsrichtungen ebenfalls noch längere Zeit fort."
III. Pflanzen- und Tierwelt.
Mehr noch als die geographischen Verhältnisse haben Pflanzen und
Tiere einen Einfluß auf die eigenartige Grestaltung des geistigen Lebens der
Eibeneger gehabt.
16 Erstes Kapitel.
1. Die Pflanzenwelt.
Aus dem Reichtum der dortigen Vegetation sollen hier zuerst einige
für das Nachdenken des Uweevs besonders geeignete, wild wachsende
Pflanzen erwähnt werden.
Der Affenbrotbaum, adido, gehört ausscliließlich der trockenen Ebene
an. Er gedeiht in der Nähe der Lagunen, kommt aber auch landeinwärts,
sogar noch am Fuße der Berge vor. Sein Stamm mit glänzend hellgi'auer
Rinde gewinnt einen Umfang von 10 — 20 m, hat aber nur weiches und
schwammiges Holz. Seine dicken, den größten Teil des Jahres nur spärhch
mit Blättern versehenen Äste streckt er wie mächtige Arme über das zu
seinen Füßen stehende Gras imd Gebüsch aus. Auf dem Grunde der
großen, weißen Blütenkelche befindet sich Blütenhonig, weshalb sie von den
Eingebornen gesammelt und ausgesogen werden. In der kakaoähnhchen
Fruchtschale ist eine braune mehlige Masse eingeschlossen, in welche die
Kerne eingebettet sind. Dieselbe wird ihres süßsäuerlichen Geschmackes
wegen gerne gegessen. Wenn geröstet, sollen auch die Kerne einen gviten
Geschmack haben. Die Asche der Frucht ist ein wichtiger Bestandteil der
Landesseife. Aus dem zähen Bast des Baumes verfertigen die Eingebornen
Sti'icke. An der Küste hat jeder Affenbrotbaum einen besonderen Namen,
der die Güte seiner Früchte bezeichnen soll. Da heißt der eine etwa
awlesikpui, „der kleine Tanzuarr", ein anderer bolo, „der Unbeschnittene",
ein dritter hekeni, „der Feuchte". Mit diesen Namen verbinden sich für
die Eingebornen bestimmte Vorstellungen, mit Hilfe deren sie feststellen
können, von welchem Baume sie eine Frucht genossen haben. Der gewaltige
Umfang des Stammes wiu-de in der religiösen Volksanschauung das Bild für
die Welt und des gesamten menschlichen Wissens. Vielerorts wird der
Stamm mit einem Zaun umgeben, in denen die Eingebornen Opfer für die
tröwo niederlegen, deren Behausung der mächtige Baumriese ist.
Die Fächerpalme mit ihrem hohen, in der Mitte etwas verdickten
Stamm und ihrer schönen Blätterkrone beherrscht einen großen Teil der
Ebene. Gerade in der ödesten Savanne ist sie am häufigsten zu sehen.
Ihre fünfzehn bis zwanzig fächerartigen Riesenblätter stehen an der Spitze
des Stammes in einem Büschel beisammen. Dieselben werden von den
Bauern und Händlern gerne zvim Schutz gegen den Regen benützt. Die
etwas melu- als zwei Faust große Frucht besteht aus einer gelben faserigen
Masse, die einen harten Kern umschließt und genießbar ist. Durchreisende
Karawanen, besonders aber die Affen stillen gern ihren Hunger daran. Das
Innere der weiblichen Fächerpalme ist weich, weshalb der Stamm leicht
ausgehöhlt und den verschiedensten Zwecken dienstbar gemacht werden
kann. In Dqfo am Volta dienen diese hohlen Stämme als Bienenhäuser,
welchen der herrlichste Honig entnommen wird. Man benützt sie als
Hühnerställe und in der Nähe der Bäche und Flüsse als Boote. Den Stamm
der männlichen Palme spaltet man zu Balken, und aus den zähen Blättern
beider werden allerlei Flechtarbeiten gemacht. Der sehr berauschende Saft
der Fächerpalme soll in frühereu Jahren zum Affenfang benützt worden
sein. Die Eingebornen hatten herausgefunden, daß die Affen, wenn sie die
Maisäcker verwüstet hatten, sich gerne dem Palmweingenuß ergaben. Die
Das Land der Eiveer.
17
Bauern stellten deswegen einige kleine Töpfe voll Fächerpalmwein an ver-
schiedene Plätze auf dem Kornacker. Hatten sich die Tiere satt gefressen,
Einblick iu eiu yamsleld mit Termitenbau (zu S. 19).
so tranken sie diesen Saft und wurden so berauscht, daß es ein leichtes
war, sie zu fangen oder zu erlegen. In der Anschauung des Volkes gilt
die Fächerpalme als Symbol der Festigkeit und Stärke.
18
Erstes Kapitel.
Der Oduinbaum, von den Europäern schon öfters die „Eiche
Afrikas" genannt, findet sich an Flußufern in der Ebene und in den be-
waldeten Bergtälern vor. Sein termitensicheres Holz ist rötlich, schön
maseriert und wird hauptsächlich zum Bau europäischer Häuser und zur
Anfertigung von Möbeln verwendet. Die von den Alten übernommenen
Gebräuche verboten das Verbrennen des Holzes, weil der Rauch schädliche
Wirkungen habe. Diesem Umstände verdanken wir heute den verhältnis-
mäßig reichen Bestand dieses Baumes.
1 2 3 4
Togo -Obst (zu S. 20).
1. Apfelsinen, darüber eine Ananas. 2. Brotfrucht. 3. Pisang. 4. Ananas.
5. Mango, Ananas und Pisang. 6. Kokosnüsse. 7. Bananen und Pisang.
Die wilde Dattelpalme kommt nur in der Ebene vor. Ihre reifen
Früchte werden gegessen. Der Stamm dient als Bauholz. Ihren süßen,
klebrigen Saft trinken die Eingebornen, und aus ihren Blättern flechten sie
Hüte. In den vielen Sprichwörtern kommen die mancherlei Vorzüge der
wilden Dattelpalme nach verschiedenen Seiten hin zur Sprache.
Der zähe Bast der Raphiapalme wird häufig zu kultischen Zwecken
verwendet, und wirft man in Matse ihre Blätter in einen gewissen Bach,
so trägt er mit ihnen das Leiden und Leid der Menschen weg.
Die Indigo pflanz e , die in der Ebene und auf den Bergen gedeiht,
hat für den Eweev die größte Bedeutung. Aus ihren Blättern und Blüten ge-
Das Land der Eweer.
19
winnt er jene unverwüstliche blaue Farbe, die in seiner Vorstellung das Bild
der Ewigkeit geworden ist. Am Agu bedeutet der Ausdruck tso ania nie yi ama
me, „von Indigoblau zu Indigoblau" soviel als „von E^vigkeit zu Ewigkeit".
Aus der großen Zahl solcher Pflanzen, deren medizinischen
Wert der EiheQV erkannt hat und in Anwendung bringt, sei hier nur der
kpomi, ein Baum mit milchweißem Safte und fliederähnlichen Blüten ge-
Fällen der Ölpalrae (zu S. 21).
nannt, dessen Rinde mit Palmwein abgekocht, mit gutem Erfolg gegen
Dysenterie angewandt wird.
An Kulturpflanzen haben 6.\q Eweex vier verschiedene Arten von
Knollengewächsen, nämlich Yams, Stockyams, die süße Kartoffel und
Taro, mankani, die an Geschmack und Verwendung Ähnlichkeit mit unserer
Kartoffel haben. In der Religion wird der Yams für alle Götter als Opfer-
gabe dargebracht. Ebenso wichtig für diesen Zweck sind die Körner-
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Das Land der Eweer. 21
fruchte, von welchen das ^rrdand Mais, Hirse und Reis hervorbringt.
Während der Mais im ganzen Lande gedeiht, beschränkt sich der Reis
auf die Berge und deren nächste Umgebung. Die Hirse war vor alters
an der Küste eines der wichtigsten Nahrungsmittel, wird aber heute nm-
noch zu kultischen Zwecken verwendet. Den älteren Göttern werden ihre
Trankopfer mmer noch in Hirsebier dargebracht.
An Obst erzevigt das jE'?tVland die Mango, eine in reifem Zustande
sehr süße und schmackhafte, pflaumenartige Frucht. Der Baum ist immer
grün und trägt zweimal im Jahr seine Früchte. Apfelsinen wurden
bisher nur an der Küste von Eingebornen, im Innern dagegen hauptsächlich
von Europäern gepflanzt. Verschiedene Limo nenarten, Goaven, Sauer-
und Süßsoaps, und nicht zu vergessen die Bananen und Ananas, sind
bei Eingebornen und Europäern beliebt.
-Von sonstigen Kulturgewächsen ist die ölpalme, mit der große
Gebiete bepflanzt sind, für das Leben des Eiheevs. von der größten
Bedeutung. An ihr kann er alles : Wurzeln , Stamm , Saft , Zweige,
Blätter und Früchte verwenden. Es ist deswegen verständlich, daß in
Ho unter einer ölpalme die Opferschüsseln für den Himmel stehen. Saft
und Früchte werden als Opfergaben verwendet und ihre Blätter haben eine
das Übel vertreibende Kraft. Steigende Aufmerksamkeit wird auch einem
rationellen Anbau der Baumwolle zugewendet, die im Lande heimisch
ist und ein guter Ausfuhrartikel sein wird.
2. Die Tierwelt.
Hat die Pflanzenwelt schon einen tiefgehenden Einfluß auf die
Gestaltung des geistigen Lebens des Eibeers, so läßt sich das bei der
Tierwelt in noch weit höherem Grade nachweisen. Diese ist reich und
mannigfaltig. Dort haust der Büffel, welcher in kleineren Herden in
gras- und wasserreichen Ebenen und Tälern weidet. Wird er geschossen,
so muß für die in ihm wohnende Seele eine eigentliche Totenfeier gehalten
werden. Seine Homer werden als zauberkräftig gedacht und deswegen
in der Zauberei viel gebraucht. Elefanten soll es einstens viele gegeben
haben; jetzt aber sind sie ins Hinterland zurückgedrängt und nur einzelne
Exemplare verhören sich in die menschenleeren Savannengebiete am Volta
und hinter dem Ac/u. Der Elefant ist das Symbol der Kraft, aber auch
das der Gutmütigkeit, der sich von der kleinen Spinne überlisten läßt. Seine
Zähne werden mit Vorliebe in der afrikanischen Musik verwendet.
Das hervoiTagendste Raubtier ist der Leopard, der in Fels- und
Baumhöhlen wohnt und in dichtem Gebüsch, hohem Gras oder auf niederen
Bäumen auf seine Beute lauert. Für den erlegten Leopard muß der Jäger
ein Totenfest abhalten. Der Kopf des toten Tieres wird sorgfältig zuge-
bunden, weil sein nach oben gerichteter Blick den Regen verhalten würde.
Sein Fell wird häufig von Priestern getragen und Zähne und Krallen werden
als Zauber verwendet.
Die vielen Antilopenarten von der Größe einer jungen Ziege
bis hinauf zur Pferdeantilope sind den Menschen durch ihr Fleisch und
Fell nützlich und werden eifrig gejagt. Ihren gewundenen Hörnern wird
22
Erstes Ka])itel.
1
starke Zauberkraft zugeschrieben. Den Knochen dieser Tiere opfern die
Jäger von Zeit zu Zeit, um mit ihrer Hilfe die übrigen Tiere erlegen zu
können. Unter den vielen Affenarten ist der Schimpanse das gefürchtetste
Tier. Von den Jägern wird seine Gestalt in der unheimlichsten Weise
beschrieben. Wenn er sie in seine Gewalt bekommt, raubt er ihnen den
Verstand, macht sie aber auch mit dem besten Jagdzauber bekannt. Unter
den Nagern ist das Stachelschwein als Höhlenbewohner dem Gott
I)ente geweiht.
In der Familie der Kriechtiere drehen sich die Vorstellungen der
Eweex hauptsächlich um die Riesenschlange, welcher an der Küste und in
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Jäg-er mit erleg-tera Leopard (zu S. 21).
Matse eifrig gedient wird. Wenn sie aus den Termitenhügeln, ihrem Ver-
steck, herausgeht, so steigt ihre Seele über die Wolken, um mit den
mächtigen Geistern „im Obern" zu lustwandeln, und wenn der Regen-
bogen erscheint, kehrt ihre Seele wieder auf die Erde zurück.
In den Flüssen und Lagunen des iS'it'^landes gibt es eine Menge
Krokodile, die schon manch einen Menschen verschlungen oder ihm
Arme und Beine abgebissen haben. Trotzdem scheinen sich die Eingeborncn
vor dem lebendigen Tiere weniger als vor seiner Galle zu fürchten. Ich
war Augenzeuge davon, wie Eingeborne in nächster Nähe dieser häßlichen
Ungeheuer sich badeten. Der Erklärungsgrund hiefür liegt in dem Glauben,
Das Land der Eiveer. 23
daß das Krokodil nur solche Menschen angreift, die geheime Verbrechen
auf dem Gewissen haben; für die Guten ist das Krokodil nicht gefährlich.
Die in manchen Flüssen lebende Sirene, Seekuh, wird als Wasser-
mensch angesehen, über den sich die Eingebornen viel Wunderbares zu
erzählen haben. Die Kröte ist eine Erscheinungsform der Frau des
Jenseits und wird wahrscheinlich deshalb dazu benützt, das Übel aus den
Städten und Dörfern zu vertreiben.
In der Vogelwelt haben der Adler, der Aasgeier, der Schildrabe,
die Nachteule, der Stundenvogel und die wilde Taube die Aufmerksamkeit
der JEibeer besonders auf sich gezogen. Vom Adler wies Hauptmann
Kling drei verschiedene Arten nach und stellte fest, daß dieselben jungen
Ziegen und Schafen gew^achsen sind. Es ist also nicht unwahrscheinlich,
daß sich auch der Adler des Eibelsiudes selbst an kleine Kinder heranwagt,
und die Parabel, in der der Adler ein kleines Kind wegträgt, beruht dem-
nach nicht ganz auf Erfindung. Die Federn des Aasgeiers, eines
Unglücksvogels, verwendet man häufig in der Zauberei. Der Schild rabe
erfreut sich unter den Eiheevn einer großen Sicherheit 5 sein Nest wird von
niemand angetastet, weil er unter den Vögeln als Zauberer gilt. Die Ursache
liegt in der zufälligen Beobachtung, daß man in seinem Neste Kauri-
muscheln gefunden hat. Die Nachteule verkündigt mit ihrem Geschrei
den eintretenden Tod eines Menschen. Der Stundenvogel hat die
Aufmerksamkeit wohl nur durch sein schönes Gefieder und sein regelmäßiges
Rufen auf sich gelenkt. Die "wilde Taube verkündigt den Menschen,
daß viele gestorben seien und daß die Göttersklavin Zwillinge geboren
habe. Sie ruft: ame gedewo yi ketu me. „viele gingen in das Erdinnere",
und: Kosi dzi ve, „die Kosi gebar Zwillinge".
Unter den Flattertieren war einstens der fliegende Hund Haus-
wächter des Gottes Soghle, wurde aber seines Ungehorsams wegen von ihm
bestraft und streckt seither seine Füße nach oben und den Kopf nach
unten.
Die Spinne übertrifft alle Tiere des Feldes an Mut und List. Sie
überlistete den Leopard dadurch, daß sie sein honiggetränktes Kleid ent-
lehnte, und den Elefanten, dessen Ohr sie als Kleid trug und nachher aß ;
selbst einem Häuptling versteht sie das Geld abzunehmen, das sie trotz
wiederholter Mahnung nicht wieder zurückbezahlt. Vermöge ihrer Zauber-
kraft gelingt es ihr, dem Schwertvogel mit einem scharfen Messer den
Schnabel abzuhauen und dadurch einer ganzen Stadtbevölkerung ihren
sicheren Wohnsitz zurückzugeben. Durch die Spinne kamen aber auch die
Wunden und selbst der Tod in die Welt.
An den Termiten sind den Eingebornen ihre hohen Bauten, ihre
kunst\'ollen Nester und die geordnete Einrichtung ihrer ganzen Kolonie von
Interesse. Die in eine LehmzeUe eingeschlossene Königin ist die Mutter der
Kolonie und wird deswegen mit dem Häuptling verglichen, an dessen Dagein
sich Wachstum und Gedeihen eines ganzen Stammes knüpft. Als ich vor
Jahren auf einer Reise ein Termitennest untersuchte, sagte ein Mann zu mir :
„In unserer Heimat zerstört man diese Hügel nicht. Sie sind Mamu, Gott."
p
Zweites Kapitel.
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse
der Eweer.
I. Landschaften.
Das Eive\&nd hat im ganzen ungefähr 1 2 2 größere und kleinere
Landschaften, von denen 16 unter englischer Oberhoheit stehen.
Ihrer Lage nach lassen sie sich einteilen in Küste, Ebene und Bergland-
schaften.
1. Küstenlandschaften.
Unter den sechs Küstenland Schäften sind Anlo, Be, Togo und
Genyi die wichtigsten.
Anlo liegt in der südwestlichen Ecke des JS'it'ggebiets und wird durch
die iTgtolagune in eine südliche und nördliche Hälfte geteilt. Bei einer
Küstenlänge von 46 km erstreckt es sich von der Mündung des Volta bis
Kedzi 6 km östlich von Keta. Die Hauptstadt dieser Landschaft ist Anlogä,
„groß AnW^^ auf der Nehrung am westlichen Südrand der Lagune. Die
bedeutendste Handelsstadt jenes Stammes ist Keta (Quittah, Kwitta). Die
Stadt ist Sitz eines englischen Beamten, der in einem von den Dänen im
Jahre 1784 erbauten Fort residiert, das im 19. Jahrhundert käuflich in
den Besitz der Engländer überging. Erst im Jahre 1874 wurde dieser
östlich vom Volta liegende Teil von den Engländern wieder besetzt und
der Goldkiistenkolonie einverleibt. Auf dem der Stadt vorgelagerten Kap
St. Paul unterhalten die Engländer seit einer Reihe von Jahren ein Leucht-
feuer.
Unter den verschiedenen dort ansässigen Handelsfirmen eröffnete die
FiiTna Fr. M. Victor & Söhne in Bremen schon im Jahre 1857 Handels-
geschäfte mit den Eingebornen und ließ sich später an allen bedeutenderen
Küstenplätzen, wie Lome und Aneho nieder. Der jeden vierten Tag ab-
gehaltene Ketavtx&xkX wurde von den Inlandbewohnern häuptsächlich seiner
3
26
Zweites Kapitel.
Fische wegen oeme besucht. Seit 1853 arbeitet in Keta die evangelische
Norddeutsche und seit 1890 eine von Lyon aus geleitete römisch-katholische
Mission.
Etwa 35 km östlich von Anlo liegt die Landschaft B e mit der Königs-
stadt Bega, „Groß-i?e". Die bedeutendste Stadt ist Lome, ein einstiges
Fischerdorf, jetzt der Sitz des deutschen Gouvernements von Togo. Im
Jahre 1884 unter deutsche Schutzherrschaft gestellt, bKthte der damals
noch kleine Handelsplatz rasch auf. Gegenwärtig treiben zwölf europäische
und sechs eingeborne Handelsfirmen ihre Geschäfte in Lome. Die Stadt
zählte am 1. Januar 1905 5784 einheimische und 125 europäische Einwohner.
Die Landschaften und Siedlun^sverhältnisse der Eweer.
27
Im Kalenderjahr 1904 liefen 178 Schiffe auf der Reede von Lome an, die
einen Gehalt von 279 587 Registertonnen hatten. Zur Erleichterung der
Landung von Menschen und Waren erbaute die deutsche Regierung eine am
27. Januar 1904 eingeweihte Laudungsbrücke, über deren Nutzen nur eine
anerkennende Stimme herrscht. Mußte man früher durch die stets
gefährliche Brandung von Lome, so kann man jetzt über den brausenden
Wogen auf der Brücke trockenen Fußes au Land kommen und die Gefahren
der Brandung von Lome sind jetzt wie nicht mehr vorhanden. Gingen
früher 5 — 6 % der Waren in der Brandung verloren, ganz abgesehen von
dem großen Prozentsatz beschädigter Sachen, so wurden 1904 an 172 Betriebs-
tagen 8297,4 Tonnen und 6602,2 cbm befördert, von denen nur 8,15 Tonneu
oder 0,05 % verloren gingen, während Beschädigungen durch Seewasser
Die Laudung-sbrücke iu Lome.
überhaupt nicht festgestellt wurden. Der Verkehr mit dem Hinterlande
vollzog sich bis jetzt auf zwei breiten Straßen, deren eine über Kpalime
nach Kpando und die andere über Notsie nach Atahpame und von dort
weiter ins Hinterland führt. Die Straßen verzweigen sich im Hinterland
und erleichtern so den Verkehr der Inlandbewohner mit der Hauptstadt.
Seit dem 18. Juli 1905 ist die erste Eisenbahn in Togo, welche Lome
mit der etwa 40 km östlich gelegenen Küstenstadt Aneho verbindet, dem
öjBFentlichen Verkehr übergeben und befördert täglich etwa 200 Eingeborne
als Fahrgäste. Eine Inlandbahn von Lome nach dem 122 km ent-
fernten Agome-Kpalime , dem Hauptort des fruchtbaren und dicht-
bevölkerten Misahöhebezirkes, ist im Bau; die Teilstrecke Lome-JSfoewe
wurde am 27. August 1905 im Beisein der auf einer westafrikanischen
Studienreise befindlichen Reichstagsabgeordneten eröffnet, die Vollendung
3*
28
Zweites Kapitel.
der Bahn ist bis Ende 1906 zu erwarten. Die schönsten Grebäude der
Stadt sind der Palast des Gouverneurs, die römisch-katholische Kirche und
die im Bau begriffene Kirche der Norddeutschen oder Bremer Missions-
gesellschaft. Damit sind auch schon die beiden Missionen genannt, welche
in Lome und seinem Hinterlande arbeiten. Zu dem ausgedehnten Schul-
wesen beider Missionen wurden in den letzten Jahren noch zwei Regierungs-
schulen zur Heranbildung eingeborner Beamter eröffnet.
Die östlich von Be liegende Landschaft Togo verdankt ihre Bedeutung
hauptsächlich dem Umstände, daß sie seinerzeit zuerst die deutsche Flagge
annahm, infolgedessen die ganze deutsche Kolonie mit ihrem Namen be-
nannt wairde.
Genyi, „das untere Gi", liegt zwischen Togo und dem J/owofluß.
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Die Hamburger Straße in Lome 11)03 (zu S. 26).
Seine Bevölkerung sind Einwanderer aus Akra, die infolge unglücklicher
Kriege mit Akioamu ihre Heimat verließen und an ihrem heutigen Wohnsitz
einen Zufluchtsort fanden. Die ersten Auswanderer bestanden in der Schwester
eines Häuptlings, die im Jahre 1660, nachdem sich ihr Bruder, durch den
Volkswillen gezwungen, hatte das Leben nehmen müssen, mit zwei seiner
Söhne nach Klein-Popo zog. Im Jahre 1680 folgte ihr ein großer Volksteil
von Akra unter der Führung des Königs Asanmq nach. Nach Vertreibung
der BcQV ließ er sich in Aneho nieder, gewann bald daraiff einen glänzenden
Sieg über den König von Dahome und wurde infolgedessen ein naher
Verbündeter dieses Königs. Erst im Jahre 1733 fand eine dritte Ein-
wanderung statt. Die engen Beziehungen dieser Einwanderer zu Dahome
haben ohne Zweifel einen starken Einfluß auf sie und ihre Sprache
gehabt.
30
Zweites Kapitel.
Äneho, früher Klein-Popo, war etwa ein Jahrzehnt Sitz der deutschen
Regierung und ist jetzt nach ihrer Übersiedlung nach Lome noch Sitz eines
Bezirksamtmanues, der in Sebbe hinter der Lagune die Regierungsgeschäfte
wahrnimmt. Hervorzuheben ist noch das unter der Leitung von Stabsarzt
Dr. Wicke erbaute Krankenhaus, das den Namen des Afrikaforschers
Dr. Nachtigal trägt, der im Juli 1884 an der Togoküste die deutsche
Flagge hißte. In unmittelbarer Nähe der französischen Grenze hat Äneho
auch als Handelsplatz eine große Bedeutung, was schon daraus hervorgeht,
daß im Jahre 1904 dort 110 Schiffe anliefen.
Bas Nachtig- al-Krankenhaus in Aneho.
2. Landschaften in der Ebene.
Unter den Landschaften in der Ebene kommen für unsern Zweck nur
der Adaklu, Ägotime, JVotsie und etwa Tado in Betracht, ferner die an dem
Nordrand der Ebene liegenden Gebiete : Abutia, Sokqde, Ho mit Kpenoe
und Akoi'iewe, sowie Taviewe, Matse, Tanyigbe, Nyive und Ahrofu.
Der Adaklu^tSimm. ließ sich bei seiner Einwanderung um den
gleichnamigen Berg herum nieder. Acht Städte liegen am Fuße des Berges
und ein Dörfchen, Bludome, soll auf seiner Spitze sein. Bis zum Tavieihe-
krieg im Jahre 1888 durfte kein Fremder den Berg besteigen, weil derselbe
ihr größter trö ist und in Kriegszeiten für die Adakluev eine sichere Zu-
fluchtsstätte bot. In dem genannten Jahre durchbrach ein englischer Beamter
Die Landschaften und Siedliingsverhältnisse der Eweer.
31
den alten Bann und bestieg den Berg als äußeres Zeichen dafür, daß der-
selbe fortan für jeden Europäer zugänglich sei. Das Land ist am Fuße
a
ja
des Berges fruchtbar, wird aber in einiger Entfernung schon mager und
ist mit vielen Fächerpalmen bewachsen. Die Bevölkerung treibt Ackerbau,
"^
i :
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse der Eweer.
33
Weberei und etwas Handel. Der Ackerbau wird jedoch durch die sein-
im Vordergrund stehende Palmweinbereitung vernachlässigt. Der Charakter
der ÄdaHuer ist bei äußerer Freundlichkeit innere Unentschlossenheit, die
zuweilen mit heimtückischem Wesen viel Ähnlichkeit hat.
Agotime, auf beiden Seiten des TofZ^Ieflusses, liegt östlich vom
Adaklu- und südlich vom AguhQvg. Sein Name sagt, daß jene Landschaft
reich mit Fächerpalmen bewachsen sei; denn ^^ofi/wg bedeutet: „unter den
Fächerpalmen." Von seinen sieben Städten haben Kjyetoe als Häuptlings-
stadt und Awegäme seines Y^tt-^klosters wegen einige Bedeutung erlangt.
Seine Bewohner,') einst aus Adanme, in der Nähe des J5r?'o6oberges, aus-
Dorf in der Ebene.
Im Vordergrunde liegen zwei große Tontöpfe.
gewandert, treiben Ackerbau und Kleinviehzucht, legen aber besonderen
Wert auf den Handel, durch den sie es zu einem gewissen Wohlstand ge-
bracht haben. Ihre Muttersprache, Adanme, hat sich bis heute hauptsächlich
in Awegäme erhalten und scheint in den andern Städten mehr und mehr
der jEJit'gsprache weichen zu müssen.
Die zahlreiche Bevölkerung der Landschaft Agu wohnte in früherer
Zeit auf dem Berge, wo sie die ersten Missionare der Norddeutschen Mission
noch antrafen. Die Häuptlingsstadt Nyogho z. B. befand sich an dem nord-
westlichen Bergabhang in einer Höhe von 880 m. Wegen fortgesetzter
1) In der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Die Landschaften und Siedlunffsverhältnisse der Eweer.
35
Streitigkeiten mit den Kebuera zogen sie in die Ebene herunter und ließen
sich am Fuße des Berges nieder. Ihre Priester, mit denen sie ebenfalls
auf gespanntem Fuß gelebt hatten, blieben zurück und legten ein eigenes
Dörfchen an, das sie Mawuwe, „Gottesplatz", nannten. Von jenem, das
Ganze beheiTschenden Punkte aus, übten sie eine das gesamte Volksleben
umspannende Herrschaft, die niemand eine freie Bewegung gestattete. Die
Priesterhütten waren auffallend klein, und ihre vornehmsten Insassen ti'ugen
Leopardenfelle auf dem Rücken. In den letzten Jahren verließen aber
auch sie ihren Gottesplatz, um sich bei ihren Stammesgenossen in der Ebene
anzusiedeln. Gegenwärtig sind nur noch einige KehudörieT auf dem Berg,
deren höchstes 790 m ü. d. M. liegt und etwa 100 Hütten zälilt. Die-, vier
Straße in Ahoe (zu ö. 36).
andern Familienteile der Aguev wohnen rings um den Berg herum auf
einem sehr fruchtbaren Lande, das alle dem Eweer nützlichen Gewächse
erzeugt. Ilire Hauptbeschäftigung ist Ackerbau, öl- und Palmweinbereitung,
sowie Jagd und etwas Weberei.
Notsie kommt hier als Wiege der Eweer und Tado für die west-
lichen Gebiete niu- seines Namens wegen in Betracht, der dort verschiedenen
Göttern als Eigenname beigelegt wird.
Ahutia mit den drei Städten: Toti, Agove und Kloe liegt am süd-
lichen Fuß eines niedrigen Bergzuges westlich von Ho. Das nicht besonders
fruchtbare Land nötigt seine Bewohner, sich ebenso stark dem Handel als
dem Ackerbau zuzuwenden. Ilii- Haupthandelsartikel ist Salz, das sie von
36
Zweites Kapitel.
Adidome und Bato her auf den Markt bringen. Viele seiner Stammes-
glieder gehen auch hinüber in das T^s/gebiet, wo sie sich oft lange Zeit
aufhalten und der Weberei obliegen.
Sokode, 8 km östlich von Ahutia, liegt auf einem wasserarmen, gras-
bewachsenen Durchbruch des Ahutia-Taviewe-^evgzvigeQ. Im Asantekv'ieg
verlor der Stamm durch List der Asanteev viele seiner Glieder, weshalb es
heute nur noch aus den zwei kleinen Städten Deme und Kpakple besteht,
die zusammen nicht mehr als etwa 200 Hütten zählen. Seine Bewohner
treiben Ackerbau, Weberei und etwas Handel.
Ho mit seinen vier Städten : Weghe (Dome), Banyakoe, Ahliha und
Ahöe liegt 8 km östlich von Sokode auf einem trockenen, grasbewachsenen
Straße in Ahliha (zu S. 38).
Gebiet am Fuße des Taviewehergs. Ho ist also nicht der Name eines
heidnischen Dorfes, sondern der des ganzen Stammes. Das Wort bedeutet
zunächst nichts anderes als einen Haufen dürres Gras. Der Bauer in der
Ebene legt seinen Acker jedes Frühjahr an einem anderen Platze an, der
ganz mit hohem Gras bewachsen ist. Dieses Gras wird ausgehackt und
heißt dann ho. Wenn auf Haufen zusammengeworfen, wird es der Bergungsort
für die kleine Hacke und das Buschmesser. Unter demselben Gras halten
sich aber auch Schlangen und Skorpione auf. Wer das Gras wegschafft,
muß auch gewärtig sein, daß er von einem Skorpion gestochen oder von
einer Schlange gebissen wird. Mit diesem Namen sagt der Hoer: „Als ein
Haufen dürres Gras nur werden wir von unsern Feinden angesehen; aber,"
Der König' Mote Kofi von Ho mit seiner Hauptfrau, f 1884 (zu S. 40).
Das Holz (aduwätij im Munde der Frau wird zum Reinigen der Zähne gebraucht.
38
Zweites Kapitel.
SO setzt er warnend hinzu, „hütet euch, denn es ist eine Kraft in uns
verborgen, die sich an jedem rächt, der uns aus unseren Wohnstätten
vertreiben Avill!" Der Schwerpunkt von Ho Hegt, von der Missionsstation
abgesehen, in Wecjhe, der Königsstadt, und Banyahoe, der Marktstadt.
Dichte Pahnen- und schöne Laubholzwälder gibt es in Ho nicht, weshalb
auch die Beschaffung des Brennholzes für Fremde immer mehr mit Schwierig-
keiten verknüpft ist. Die Hoev sind fleißige Ackerbauern und Weber,
unter denen das Wort „faul" zu der schimpflichsten Bezeichnung gehört,
die einem Manne gegeben werden kann. Der Stamm besteht aus drei
verschiedenen Elementen, welche sich im Laufe der Jahrhunderte unter
Missionsstation in Ho (zu S. 40).
vielen inneren und äußeren Kämpfen zu einem Stammesganzen zusammen-
schlössen. Das älteste Glied ist Banyakoe mit AJdiha, welche Städte
ursprünglich beisammen gewesen sein sollen. Die Ahöev kamen erst in
späterer Zeit aus Yeviewe, einem östlichen Nachbarstamm, aus dem sie
ihres schlechten Charakters wegen vertrieben wurden. Zu ihnen gesellten
sich als Dritter im Bunde die Einwohner von \i^eghe, d. h. (solche, die) „die
£'wßsprache" (erlernen mußten). Die Stadt heißt auch Dome, „dazwischen",
weil ihre Einwohner inmitten der Hogy ihre Heimstätten errichten durften.
Ihre Heimat ist Krqhq, von wo sie infolge eines unglücklichen Krieges
ins Ewe\2,\\d auswanderten. Merkwürdigerweise bekam gerade dieser jüngste
und fremde Stammesteil die Macht in die Hand. Unter seinen Königen
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse der Eiveer.
39
WEST
?_ f
Nc^-:
Maafsstab V-iiOOO
Plan der Missioiisstation Ho (zu S. 40).
40
Zweites Kapitel.
war Mqte Kofi, Vater des jetzigen Königs, entschieden der tüchtigste,
dessen Einfluß heute noch im Stamme nachwirkt.
Schon im Jahre 1S5D kamen die Hoqy dadurch in Berührung mit
den Europäern, daß Missionare der Norddeutschen Missionsgesellschaft ihre
Arbeit dort in Angriff nahmen, indem sie eine Station gründeten. Dieselbe
wurde aber im Jahre 1869/70 durch die wilden Horden der Asanteev
zerstört, und erst 1876 erstand sie wieder aus ihren Ruinen. Dem Christen-
tum und der christlichen Religion gegenüber verhielt sich dieser Stamm lange
Zeit ablehnend. Mit dieser Verschlossenheit war ein leidenschaftliches
Festhalten an den herkömmlichen Gebräuchen verbunden. Die Hauptstütze
dieser Stellungnahme war der König Mote Kofi gewesen, der es verstanden
hatte, sein Volk für alles von den Vätern ererbte zu begeistern. Sein
Nachfolger Kumi, ein schwächlicher Charakter, verhielt sich zwar ebenso
ablehnend zu dem Christentum, hatte
aber nicht den überwiegenden Einfluß
auf seinen Stamm, weshalb seine Re-
gierungszeit sich durch viele Über-
tritte zum Christentum auszeichnet.
Mit der Aufnahme des Evangeliums
erschlossen sie sich allmählich auch
für die Kultur und erlernten das Holz-
sägen, das Maurerhandwerk und die
Tischlerei.
Die 4 — ^6 km nordöstlich von Ho
liegenden Kj^enoe- und Äkovieihe-
städte bildeten ursprünglich mit Ba-
nyahoe, Heve und Ahliha zusammen
den eigentlichen /?ostamm. Etwas
weiter nordöstlich liegt an dem linken
Ufer des JocM^flusses die Land-
schaft Nyive, „Elefantenwald", die
sich schon im Jahre 1730 unter der
Führung ihres Königs Foli in einen
großen Krieg gegen Atikpui am Ägu,
sowie gegen die Akivamuev einge-
lassen hatte. Heute ist es nur noch ein unbedeutender Ort auf dem Weg
nach Agome-Kpalime.
König- Kumi von Ho, f Oktober 1898.
3. Die Berglandschaften.
Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die Berggegenden am stärksten
bevölkert sind. Allerdings sind es nur wenige Stämme, die auf den
plateauai-tigen Ausweitungen der Berge selbst wohnen. Zu ihnen gehören
die Stämme Govieice, Avatime, Lor/ba, Agmne, Kuma, Leklehi und Däyi;
aber auch bei diesen Stämmen ist ein entschiedener Zug nach der Ebene
zu bemerken, wie das bei Goviewe, Wodze und der Bevölkerung des Adaklu
und Agu deutlich zu sehen ist. Die weitaus größere Zahl der Bergstämme
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse der Erveer.
41
liegt am südlichen und nördlichen Fuß der Berge oder in den fruchtbaren
Talebenen der Flüsse Döyi und Tsaicoe.
Die Bewohner der Berglandschaften sind im allgemeinen fleißige
Bauern, die ihre Äcker teils an steilen Bergabhängen, teils auch in der
Ebene anlegen und sich von Yams-, Reis- und Maisbau ernähren. In ihren
schönen Talgründen gibt es noch viel Wild, wodurch ihnen bisher immer
eine ergiebige Jagdbeute gesichert war. In neuerer Zeit haben sich die
Bewohner einzelner Berglandschaften unter Vernachlässigung des Ackerbaus
sehr dem lohnenden Handel ergeben. Genannt seien die Landschaften
Taviewe, Matse, Tanyighe., Dodomc, Klewe und Ziavi.
Rodung- des Waldes zum Yamsbau.
Die beiden Landschaften Taviewe und Matse liegen in einem engen
Bergtale nordösthch von Ho, wo sich einstens ihre Bewohner mit dem
ausgesprochenen Zweck niederließen, dort gegen ihre Feinde gesichert zu
sein. Nur die Webervögel, sagten sie, können sie dort erreichen; Feinden
aber werde das unmöglich sein. Ihre früher als grausam bekannte
Bevölkerung treibt Ackerbau, liegt aber hauptsächlich der Mattenflechterei
ob. Daneben betreiben sie das Schmiedehandwerk, etwas Jagd und Klein-
viehzucht. In Älatse besonders steht die Mattenflechterei auf Kosten des
Ackerbaus sehr in Blüte. Heute besteht an beiden Orten je eine Schule.
Do dorne liegt auf der Spitze des grasbewachsenen Abutia-Taviewe-
Bergzuges, der dort in dem Labuherg eine Höhe von etwa 500 m erreicht.
42
Zweites Kapitel.
Die Bevölkerung war in früheren Jahren sehr scheu, scheint sich aber
durch fleißigen Ackerbau auszuzeichnen. Ihre Feldarbeit gestaltet sich
dadurch sehr mühsam, daß sie ihre Farmen in der Ebene anlegen und
deswegen täglich an den steilen Bergabhängen auf- und abklettern müssen.
Tanyigh e ist auf einem Ausläufer desselben Bergzuges gelegen.
Siavi und Klewe sind die nächsten Nachbarn der Höer, die am
nördlichen Abhang des Tavieweherge^ ihre Städte erbaut haben.
n. Siedlungsverhältnisse.
Im Blick auf die Siedlungs Verhältnisse werden wohl am ge-
Schmiede im Eweland (zu S. 41).
eignetsten Siedlungs-Gebiet, -Form und -Weise unterschieden. Wer
das Eibe\3in.(\ öfter zu bereisen Gelegenheit hatte, ist sich darüber klar ge-
worden, daß sich die meisten Ansiedlungen an der Küste, am Süd- und
Nordraud der Ebene, an den Flußufern und am Fuß der Berge befinden.
Dabei ist zu bemerken, daß in der Ebene die Dichtigkeit der Bevölkerung
von West nach Ost zunimmt. Im Küstengebiet wohnen zwischen Volta und
Mono rund fünfzig größere und kleinere Stammesfamilien. Soweit dieselben
Zugang zum Meer und zu den Lagunen haben, sind sie fleißige Fischer,
die die gefangenen Fische in getrocknetem Zustand auf den Märkten des
Hinterlandes verkaufen. Günstige Existenzbedingungen waren auch in der
Kähe der Flüsse gegeben, wo nicht nur fi-uchtbarer Boden, sondern auch
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse der Eiveer.
43
die Möglichkeit verlockend war, sich aus dem Flusse stets mit frischem
Fleisch zu versorgen.
In der Mitte der Ebene wohnen von Südwesten nach Nordosten etwa
siebzehn Stämme, die ausschließlich Berge (Adaklu und Agti) und Flußufer
als Wohnsitze erwählt haben. Am Nordrand der Ebene leben achtundzwanzig
Stämme, in den Bergen acht und in der Däyieh^nQ neunzehn.
In Beziehung auf Siedlungs formen unterscheidet die Sprache
Städte (Dörfer), Weiler und Höfe. An der Küste sind die größeren
Städte mit europäischer Anlage hauptsächlich dem regen Handelsverkehr
zu verdanken. In ihrem Umkreis gibt es volkreiche Dörfer mit engen und
Marktbesucher in Laudesböten am Lagunenufer (zu S. 42).
unregelmäßig angelegten Gassen, die auf freie Plätze führen, auf denen
gewöhnlich ein Schattenbaum oder etliche Palmen stehen. Hier tummeln
sich bei Tage die Kinder und führen die Erwachsenen in den Nachtstunden
ihre Spiele auf. In den holzarmen Gebieten der Küste wird als Baumaterial
hauptsächlich gestampfte Erde für die Mauern verwendet. Das Holzwerk
besteht «aus gespaltenen Fächerpalmen, und die Dächer werden mit Gras
und Schilf bedeckt, das an den Ufern der Lagune wächst. Einem Fremden
fällt in den Küstenstädten die eigenartige Mischung von Winkel- und spitz-
zulaufenden Dächern auf. Die ersteren haben steile Flächen und sind
zuweilen an den Enden der Firstlinie abgewalmt. Auffallend ist, daß das
4*
u
Zweites Kapitel.
einer Frau gehörige Haus stets ein kegelförmiges, das Haus des Mannes
dagegen immer ein Winkeldach hat.
Die Städte der nördlichen Teile des ^'w'elandes unter-
scheiden sich von denen der Küste nach verschiedenen Seiten hin. Die
Häuser gruppieren sich gewöhnlich um eine breite Dorfstraße, in deren
Mitte große Schattenbäume stehen. Es sind das die Unterhaltungs-, Rats-
und Spielplätze der Dorfbevölkerung. Die Mauern werden dadurch her-
gestellt, daß Stangen in die Erde gestoßen, Palmäste der Länge nach an
dieselben gebunden und diese dann mit Lehm beworfen werden. Die
Einblick in eiu Gehöft (zu S. 43).
Die Frau mit Zuriisten zum Kochen beschäftigt, von Schafen und Enten umgeben.
Dachform ist ausschließlich die des \A'inkeldaches. Die Zahl der Hütten
eines Gehöftes ist bedingt durch die Anzahl der Frauen, die der Eigen-
tümer besitzt. In den fremdsprachlichen Gebieten Sandrokoß und Akpafit
sind nur die Reisbehälter mit Gras, die flachen Dächer der Wohnhäuser
dagegen mit festgestampfter Erde bedeckt.
Schon wenige Kilometer hinter dem Küstengebiet beginnen die vielen
kleinen Weiler, die durch zahllose Fußpfade, aufweichen sich ein Fremder
nicht mehr zurechtfindet, untereinander verbunden sind. Es sind das
Planta "endo rfer von drei bis acht Hütten, auf denen die Bauern das
Die Landschaften und Siedlungsverhältnisse der Eiveer.
45
umliegende Land in Kultur nehmen. In früheren Jahren waren diese Weiler
von den Inlandbewohnern deshalb gefürchtet, weil sie sich hie und da in
diesem Netz von Pfaden verirrten, dann von den Bewohnern gefangen und
erst gegen hohes Lösegeld freigegeben oder aber verkauft wurden.
Im Innern errichtet der Bauer auf seinem Acker gewöhnlich nur eine
einfache Schutzhütte, welche meistens durch zusammengesteckte Äste
der ölpalme nach außen abgeschlossen wird. Hier kocht der Bauer sein
einfaches Mittagsmahl, legt sich über die heißen Mittagsstunden schlafen,
brinst auch zuweilen Tage und Wochen lans die Nächte darin zu. Solche
^ IM-| lV C J^
^.^■u^^y^ " ' ^' i i, J^!5i;,,j£S^ii^
Der Ratsplatz iu Akpafu (zu S. 44).
Höfe, aghletawo, stehen immer nur solange, als das umliegende Land unter
Kultur genommen ist. Außer ihnen gibt es auch Einzelhöfe, die ihr Dasein
nicht der Kultur, sondern einem in der Stadt ausgebrochenen Streite ver-
danken. Manche Familien entziehen sich gehässigen Angriffen häufig da-
durch, daß sie sich auf ihr Familienland zurückziehen und dort einige
Hütten errichten, in denen sie im Frieden leben können.
In engem Zusammenhang damit steht die Art und Weise, wie die
Besiedlung des Landes vor sich gegangen ist. Als die Stämme
allmählich ihre festen Wohnsitze eingenommen hatten, zweigten sich immer
wieder einzelne Familienteile, sei es veranlaßt durch Streitigkeiten und
46
Zweites Kapitel.
Krieg oder durch mangelnde Existenzbedingungen, von ihnen ab. Der
Grundstock des Ädaklusta.mmes z. B., der sich am Fuß des Berges nieder-
gelassen hatte, bevölkerte allmählich einen großen Teil der südhch davon
sich ausbreitenden Ebene. Dazu kam immer wieder von Zeit zu Zeit
Ein Plantag^endorf in Tolo (zu S. 44).
neuer Zuzug aus dem Westen, wie z. B. Äneho, Agotime und Avatime das
beweisen. Jedenfalls bestand die Siedlungsgeschichte des ^^ü^landes Jahr-
hunderte hindurch in nichts anderem als in einem Kommen, Landbesetzen
uud Wiederverlassen, Streiten und Kriegen solange, bis ein Stärkerer über
sie kam.
Drittes Kapitel.
Das Volk der Eweer.
I. Die geschichtliche Vergangenheit.
Die ältesten geschichtlichen Erinnerungen des £'i^gvolkes sind
sagenhafter Natur und verdienen nur in sofern Beachtung, als die Aus-
sagen der verschiedenen Stämme miteinander übereinstimmen. Aber auch
unter dieser Voraussetzung" ist den Vermutungen, wie es gewesen sein könnte,
noch viel Raum gegeben.
Die Erzählungen stimmen darin überein, daß das Volk der JSiveev in
seinen heutigen Wohnsitzen keine Urbevölkerung, sondern vor langer Zeit
aus dem Nordosten eingewandert ist. Die meisten suchen ihre gemeinsame
Heimat im Niger bogen, wo sie in stark befestigten Städten gewohnt
haben. An die nicht mehr kontrollierbaren Namen Ketu, Ayo und Adadam
knüpfen die Erzähler die Vermutung, daß dort der Entstehungsplatz der
Menschen gewesen sei.
Von ihrem Ursitz Ketu wanderten ursprünglich zwei zahlreiche
Sippen aus; die eine zog nach Südwesten und teilte sich in die Gebiete
Tado am Mono und JSfqtsie zwischen dem HaJw und Zio, die andere nahm
ihren Weg nach Westen und ließ sich in der Gegend des heutigen Adele
nieder, wo sie ihren Sitz Doghonyigho nannte. Wie lange ihr Aufenthalt
dort dauerte, läßt sich nicht mehr feststellen. Die zu Doghonyigho ge-
hörigen Stämme sollen Aiilo, Be und Fö gewesen sein. Der unter ihnen
ausgebrochenen Streitigkeiten wegen trennte sich Fö von ihnen, zog nach
Süden und gründete Wla in Dahorne. Aber auch die andern machten sich
auf die Reise und suchten ihre Bruderstämme in JSfotsie auf. Lange Zeit
scheinen sie mit ihnen zusammen gewohnt und sich unter dem Regiment
guter Könige glücklich gefühlt zu haben. Durch eine Verheiratung des
Königs Asimadi aus Tado mit einer Schwester eines Häuptlings der
Doghonyighoer, namens, Wenya kam es zu Thr o n str eitigkei te n , die
damit endeten, daß der dieser Ehe entsprossene Sohn Sri König der
Dogbonyighoer wurde. Das erweckte den Neid des Notsiekönigs Agokoli,
der sich allmählich zu grausamer Verfoleuns;swut steigerte. Derselbe ließ
48 Drittes Kapitel.
-^1
z. B. seine Häuptlinge, die ihm nicht zu Willen waren, töten, und nur ein
einziger entkam dem Blutbad. Später ließ er seinen Untertanen Dornen
in den Lehm werfen und zwang sie, denselben zu treten. Dazu kam noch,
daß die stark sich vermehrende Bevölkerung sich gegenseitig das Leben
schwer machte. Diese Umstände führten schließlich zu einer Trennung,
die aber nicht durch einen offenen Bruch, sondern durch List bewerkstelligt
wurde. Die Frauen hatten Befehl erhalten, alles Wasser, das sie ausgießen,
an die dicken Erdmauern der Stadt zu schütten, damit dieselben aufweichen
und dann umgeworfen werden könnten. Im bestimmten Augenblick wurde
die Mauer mit einem Dolch untergraben, dann hielt ein Häuptling den
Dolch in die Höhe und betete: „Gott, öffne uns das Tor, damit wir hinaus-
gehen können!" Andere stemmten sich mit aller Macht gegen die Mauern
und warfen sie um. Unter Vorantritt der Frauen und Kinder setzte sich
der Zug in Bewegung; die DoghonyighoQY nahmen ihren Weg nach Süden
an das Meer, während die andern in der Richtung nach Westen wanderten,
wo sich die einen die Gebiete an den Bergen und in der Däyiehene^ die
andern aber den Nordrand der Ebene, Aclaklu und die Voltagebiete, als
Wohnsitze erwählten.
Die Küstenstämme hatten in der Folgezeit Kriege mit Daliome
und Gmyi, Ada und Agave, deren schließliche Folge die Errichtung des
Forts in Keta durch die Dänen war. Die Inland stamme dagegen
mußten den Akwamuevn in ihren Sklavenkriegen Heerfolge leisten. Diese
Stellung empfanden sie nach und nach aber als unerträgliche Last, die sie
unter der Führung des Königs Kwadzo De von Pekl in den Jahren 1828
bis 1833 in einem siegreichen Krieg abschüttelten. Die letzten Nach-
wirkungen jener alten Kriege bestanden im Asante)^vieg 1869 — 73, in
dem die AnloQX an der Seite der Asanteev gegen ihre eigenen Stammes-
brüder kämpften. Wenn auch jener Krieg für die Eweev ungünstig ausfiel,
so hatte er doch zur Folge, daß sie sich ihrer gemeinsamen Aufgaben bewußt
wurden, die, wenn auch langsam, zu einer allmählichen Einigung führten.
Den europäischen Regierungen aber war es vorbehalten, däe Eihe-
stämme ganz zur Ruhe zu bringen und sie füi* die friedliche Entwicklung
des Landes unter Mithilfe der Mission zu erziehen.
II. Die Kultur.
A. Die materielle Kultur.
Aus dem bisher schon Mitgeteilten ist zu ersehen, daß die JEweer in
Ackerbau, Viehzucht und Handwerk zwar eine gewisse Kulturhöhe erreicht
haben, dann aber auf einem Punkte stehen geblieben sind. Die Hacke und
der Webstuhl von heute sind noch ganz ebenso wie vor hundert Jahren.
1. Der Ackerbau.
Es ist ein entschiedener Vorzug des ^w'evolkes, daß der Ackerbau
überall in großem Ansehen steht. Als Beweis dafür darf nicht nur die
saubere Bestellung der Felder, sondern auch die Tatsache angesehen werden,
Yanisg-i'aben (zu S. 50).
50 Drittes Kapitel.
daß sich an der Feldarbeit im Innern Männer und Frauen gleichmäßig
beteiligen. Die Männer besorgen die schwereren Geschäfte, wie z. B. das
Stangenstoßen zum Yams. Auf jeden Beobachter wird es einen angenehmen
Eindruck machen, zu sehen, wie im Frühjahr der Mann zusammen mit
Frauen und Kindern das Land urbar machen, wie sie miteinander den
Yams pflanzen und endlich auch bei der Ernte zusammen helfen.
Auffallend ist es, daß in den urgeschichtlichen Erinnerungen
der Eiheer nie der Mais und Y^ams, sondern immer nur die Bohnen
genannt werden. Den Namen ayighe z. B., mit dem die Geev die Eiheer
benennen, führt die Volksetymologie von der Küste an bis zur Nord-
grenze des Ewegehiets darauf zurück, daß sie einst auf ihrer Wanderung
von ihrer Urheimat her Bohnenäcker angelegt und auf deren Ernte gewartet
haben. Inzwischen seien die Geer weitergezogen; sie selbst aber haben
sich teilweise dauernd dort niedergelassen. Damit stimmt die Erzählung
der Hoer überein, daß sie in Notsie noch keinen Mais gehabt, sondern
ihn erst später von den Europäern bekommen haben. Auch der Yams
wurde aller Wahrscheinlichkeit nach erst später entdeckt. Die Yamsart
Mo z. B. findet man noch heute wild in den Wäldern, wo er erst in den
schlimmen Zeiten des ^sa«^ekrieges gefunden wurde. — Unter den Trank-
opfern der ältesten Götter wird immer nur liha, „Kornbier", erwähnt.
Bei Korn ist wahrscheinlich an Hirse oder Reis zu denken, den die Ädakluev
noch lange nach ihrer Einwanderung am Adaklu gepflanzt haben wollen.
2. Die Viehzucht.
An der Küste besitzen einzelne Leute große Rindviehherden,
die teils mit, teils ohne Hirten hinter den Lagunen weiden. Etwas weiter
im Inland treiben die Bauern nur noch Kleinviehzucht; auch
Geflügelzucht ist im ganzen Lande zu finden. Über den Umfang und den
Erfolg, mit dem die Eingebornen dieser Beschäftigung oblagen, kann man
sich daraus ein Bild machen, daß in früheren Jahren, teilweise auch jetzt
noch, viele Schifl'e in Keta Geflügel und Rindvieh einkauften. Merkwürdig
ist, daß die ältesten Opferberichte im Innern nur von Ziegen,
an der Küste nur von Rindvieh erzälilen. Das Schaf scheint also
entweder noch nicht bekannt gewesen oder jedenfaUs für die Erden-
götter nicht als Opfertier verwendet worden zu sein. Erst in den neueren
Kultushandlungen der Erdengötter taucht das Schaf als Opfertier auf. —
Der Hund scheint unter den Eweern seit den ältesten Zeiten als Haustier
bekannt gewesen zu sein. Er wird wenigstens öfter als dasjenige Tier
genannt, welches sich schon in der Umgebung der präexistenten Menschen
befindet.
3. Das Handwerk.
Das Handwerk verteilte sich in den ältesten Zeiten auf einzelne
Familien, wie das die Geschichte von Matse in lehrreicher Weise
zeigt. Dort hatte jeder Stadtteil seinen besonderen Beruf: die einen waren
Schmiede, andere Jäger und noch andere Ackerleute. Die Mattenflechterei
scheint ein verhältnismäßig neuer Berufszweig zu sein. Es läßt sich also
Das Volk der Eiveev.
51
nicht anders annehmen, als daß sie sich dort wie in die Arbeit so auch
in den Ertrag derselben familienweise geteilt haben. Die Schmiedekunst
als ein Berufszweig, der es vornehmlich mit dem Feuer zu tun hat, führt
ihr Dasein wahrscheinlich auf den Gott Soghle zurück, der der Schmied
Gottes ist und die Donnerkeile schmiedet, die er im Blitz auf die Erde
schleudert. Daß auch die Weberei unter den Eweevn schon seit sehr
langer Zeit bekannt sein muß, darf man wohl daraus schließen, daß sie
durch Jäger eingeführt worden sei, die sie von Himmelsbewohnern erlernt
haben sollen.
Weber am Webstuhl.
1. agbatroti, Nagel zum Drehen des Stabes, kubleti, über den sich der Weber bengt. So oft
dieser Stab gedreht wird, bewegt sich agba, Nr. 9, näher gegen den Webstuhl her. 2. wu,
Schiff. 3. age. 4. no. 5. hevi, Vogel. 6. Zettel. 7. Ein Landeskissen, aus einheimischem
Gewebe zusammengenäht. 8. Ein Mann, auf der Matte hockend, der die vor ihm liegenden,
gewebten Streifen zu einem Kleide zusammennäht. Im Hintergrunde stehen zwei Männer,
an denen zu sehen ist, wie sie bei kühler Witterung oder morgens ihren Körper bedecken.
B. Die geistige Kultur.
1. Die Sprache.
Angesichts der Tatsache, daß das EihevoVs. keine eigene Sclirift hat
und weder lesen noch schreiben kann, würde kaum jemand erwarten, das
die Sprache für einzelne Eiheev Kulturgegenstand wäre. Daß daß
aber doch der Fall ist, geht daraus hervor, daß, wenn der Sprecher in
Änlo früher in einer öffentlichen Rede einen Satzartikel an falscher Stelle
52 Drittes Kapitel.
1
brauchte , dadurch das sprachliche Schönheitsgefühl seiner Zuhörer so
beleidigt ward, daß sie ihm ihren Unwillen darüber zu verstehen gaben.
Überhaupt soll der Sprecher alles gewandt und formvollendet vortragen,
wozu namentlich auch die Wahl geeigneter Beispiele gehört, mit denen er
den Gedanken zu beleuchten versteht.
In der Einleitung zu seinem Wörterbuch der £'tt'esprache hat sich
Missionar Westermann in klarer und umfassender Weise über die Ewe-
spi'ache geäußert. Hier soll deswegen nur noch auf den Kulturwert
der Sprache aufmerksam gemacht werden. In früheren Jahren konnte
man manchmal die Klage über Wort- und Begriffsarmut in der ^'it-gsprache
hören. Westermanns Wörterbuch, das 20000 ^tt'^wörter erklärt,
ist wohl eine glänzende Widerlegung jenes Vorwurfs; denn es zeigt, daß
die sprachliche Armut nicht notwendig im Objekt liegen muß, sondern daß
sie auch im Subjekt liegen kann. Westermann macht auf den großen
Reichtum der jE'ii'esprach e an Adjektiven und Adverbien aufmerksam,
die jede Eigenschaft oder Tätigkeit aufs genaueste beschreiben, wo wir
uns mit einem „sehr", „außerordentlich", „ungeheuer", „furchtbar" begnügen
müssen. Er weist ferner auf die Begriffswandlungen, welche durch Ver-
doppelung eines Wortes entstehen, hin und weist nach, wie es von der
verdoppelten Form eine hochtonige und eine tieftonige, eine für kleinere
und eine für größere Gegenstände gibt. Er gibt uns damit einen Einblick
in „die reichen Mittel, welche sich die Sprache zur Darstellung des sinnlich
Wahrnehmbaren geschaffen hat". Vermöge dieser Eigenschaften besitzt die
Sprache auch die Fähigkeit, Gegenstände, welche die Eingebornen nicht
selbst erzeugt, also auch bisher nicht gesehen hatten, mit charakteristischen
Namen zu benennen. Es geschieht das entweder durch vollständige Neu-
bildung eines Wortes oder aber durch Übertragung eines Begriffes,
der nach ihrer Auffassung Ähnlichkeiten mit dem neu zu benennenden
Gegenstande hat. Der Eiheer braucht z. B. keine Schuhe, hat auch keine
Brille, keine Uhr, kein Faß, keinen Nagel und keine Säge, und doch hat
er für diese sinnlich wahrnehmbaren Sachen durch Zusammensetzung seiner
ihm zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel oder durch Schallnach-
ahmung ganz gute Worte gebildet. In dem Schuh sah er „den Schild
des Fußes", in der Brille „das eiserne Auge", in der Uhr „ein Eisen,
das sich selber schlägt", im Faß erblickte er eine Ähnlichkeit mit seinem
Kürbis go und nannte es deshalb „Holzkürbis", in dem Nagel ein „Eisen
mit flachem Kopf", und die Säge benannte er mit dem Schall lahalaha,
den sie erzeugt. Die Sprache wird also durch die neuen, nach dem Ethe-
land kommenden Kulturgegenstände in einer dem Volksgeist entsprechenden
AVeise bereichert. Auch mit der Bezeichnung von Handlungen, die dem
Eweer bisher unbekannt waren, schlägt er einen ähnlichen Weg ein. Nur
zwei Beispiele sollen das erläutern. Es wurde schon darauf hingewiesen,
daß die Eweer Illiteraten sind. Als solche konnten sie nicht schreiben
und nicht lesen, und doch fanden sie für beide Vorgänge, sobald sie ihnen
vors Gesicht traten , treffliche Ausdrücke. In der Handbewegung des
Schreibers sahen sie einen ähnlichen Vorgang, wie sie ihn beim Hacken
ihrer Äcker, beim Kritzeln und Schnitzen ihrer Kalebassen hatten und
nannten es deswegen nlo aghale, „das Papier bekritzeln". Ähnlich verhält
Das Volk der Eweer.
53
es sich mit dem Lesen. Dieses erinnerte sie an ihr „Zählen", hie nu, und
„Erzählen", hie nya, weshalb sie es hie aghale, „im Buch (oder die Buch-
staben) zählen" nannten. Wenn Westermann mit Recht darauf aufmerksam
macht, daß diese überreiche Fruchtbarkeit der Sprache versage, sobald
es sich darum handle. Geistiges darin auszudrücken, so darf doch auch
andererseits darauf hingewiesen werden, daß das religiöse und mythologische
Denken der Eweer selbst schon eine ganze Menge Wörter gebildet hat,
in die wir nur geistigen Inhalt hineinzulegen brauchen, die also jederzeit
als brauchbare Gefäße für die Geisteskultur bereit stehen. Ich erinnere
1 2 .3 4 .5 6 7
König- Deg-badzo Ton Ho mit seinen Insig-nien (zu S. 54).
1. Sprecherstab und Schwert. — 2. u. 3. Schirm, König und Stuhl mit Polster
und Glocke. — 4. u. 5. Trommeln mit Kriegstrompete darauf. — 6. Tragkorb.
7. Trommel mit Pferdeschwäuzen geschmückt.]
z. B. nur an die Begriffe ghogho, „Atem, Hauch" für Geist, linco, „Schatten"
für Seele, kekeli, „Licht" und viele andere. Freilich hat auch die religiöse
Sprache manche Ausdrücke, die sich des unzertrennlich damit verbundenen
heidnischen Begriffes wegen nicht verwenden lassen.
Eine so reiche und bereicherungsfähige Sprache eignet sich auch in
hohem Maße als Kultur- und Handelssprache, und es wäre das
größte Unrecht, was Europa jenen Völkerstämmen antun
könnte, wenn es ihnen ihr wertvollstes mütterliches Erbe
durch europäische Sprachen verdrängen oder auch nur
schmälern würde. WoUcn wir dem Eiheer seine für uns Europäer
54
Drittes Kapitel.
werjtvolle geistige Eigenart erhalten, so müssen wir auch allen Ernstes
dafür sorgen, daß ihm seine Sprache erhalten bleibt, und daß die heran-
wachsende Jugend jenes Landes einen offenen Blick für die Schönheit und
den Wert ihrer Muttersprache bekommt.
Diese Wertschätzung und originelle Anwendung seiner Sprache geht
ihm bei einer zu starken Betonung der europäischen Sprachen allmählich
verloren. Die europäische Sprache aber paßt für minderbegabte Eweer
ebensowenig als die ihnen nicht auf den Leib zugeschnittene europäische
Kleidung.
2. Die Kunst.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Eweer die Musik liebhaben.
Wenn aber der dortige Musikliebhaber sein Saiteninstrument bearbeitet,
und der Hornbläser seinem Elefanten- oder Antilopenhorn merkwürdige
Töne entlockt, so ist das uns Eu-
ropäern nicht nach unserem Ge-
schmack. Aber es läßt sich nicht
in Abrede stellen, daß bei größeren
Orchestern eine gewisse Harmonie
und auch Takt herrschen. Ihre Musik
will unter demselben Gesichtspunkte
aufgefaßt werden wie das Trom-
meln, durch welches sie reden. Die
Musik ist nur ein durch musikalische
Töne zum Ausdruck gebrachtes
Reden. Für Musik und Gesang
lassen sie oft Lehrmeister von aus-
wärts gegen gute Bezahlung kom-
men. Die Uoer führen Trommel
und Gesang auch ausdrücklich auf
den Unterricht zurück, den sie von
dient den Frauen als Gefäß zur Aufbewahrung j^^ jr^iem genoSSen haben, und
ihrer Schmucksachen. n.. . i • ^ r,
tur jene lassen sie den Gesang aus
dem Meer hervorgegangen sein.
Auch in der Kunst der Malerei und der
Plastik versuchten sich die Eweev zu allen Zeiten.
Schon vor 25 Jahren sah ich in Peki an der äußeren
Wand einer Hütte ein Negergemälde, das einen Jäger
darstellte, Avie er eben auf einen Leoparden schießt.
Für das ziemlich rohe Bild waren nur schwarze
Farbe, sowie weißer, roter und gelber Ocker ver-
wendet. An der äußeren Wand eines YeweMosters
in der Ebene war das Tun und Treiben der Kloster-
insassen bildlich dargestellt. Das Bild nahm eine
ganze Wand ein. Die einzelnen Gestalton waren roh
und das Dargestellte sittlich niedrig. Ihre geschnitzten
Geschnitzte Kalebasse,
Kalebassen und gebrannten Holzteller, sowie ihre
Lehmgötze, mit Kauri-
muscheln geschmückt, in
einer Schüssel hockend.
Das Volk der Eweer.
55
eigenartig verzierten Töpfe bekunden einen gewissen Formensinn, an dem
selbst das europäische Auge Geschmack findet. Alte Topfscherben, die
sich auf den Bergen in Ruinen menschlicher Wohnungen fanden, hatten Ver-
zierungen, die, bei aller Ähnlichkeit mit den jetzigen, doch so viel zeigten,
daß auch jene alten Geschlechter einen Formensinn hatten, der von der
Jetztzeit noch nicht übertroffen ist.
Die Plastik steht hauptsächlich im Dienst der Religion und trägt
im ganzen ein noch rohes Gepräge. Die verschiedenen, großen und
kleinen aus Lehm und Holz geformten Götzenbilder sind meistens häßliche
Gestalten, sind aber kein Beweis dafür, daß die Künstler überhaupt nichts
Afrikauische Töpferin.
Besseres hervorzubringen fähig wären ; denn diese Gestalten sind dem Bild
ihrer geistigen Insassen angepaßt. Geschmackvoller sind die Sinnbilder
(Wappen) einzelner Städte und Stadtteile, die auf den Schirmen ihrer
Häuptlinge stehen; da sind z. B. das Huhn mit seinen Küchlein, der Ibis,
die Schlange, der Leopard in Holz geschnitzt. Bei einem Häuptling in
Agotime sah ich die geschichtliche Darstellung eines Krieges in lauter Holz-
figuren. Das alles beweist, daß das Gebiet der Kultur gewisse Kunst-
ansätze hervorgebracht hat, die nur der Vervollkommnung warten. Es
wäre schade, wenn der jetzt in Blüte stehende Handel alle diese Spuren
idealen Sinnes wegschwemmen würde und nichts anderes zurückließe, als
das bloße Jagen nach schnellem Gewinn.
56
Drittes Kapitel.
III. Die Familie.
1, Die Ehe.
Wenn in Beziehung auf das Zustandekommen der Ehe immer wieder
die Anschauung auftaucht, die Frau werde gekauft, so steht dieselbe
nicht in Übereinstimmung mit den Tatsachen. In jedem Stamm werden
Eiu Mädchen im Brautschmuck.
an den Werber gewisse Forderungen gestellt, die er seinen Schwieger-
eltern oder einem anderen Machthaber des Mädchens leisten muß. Unter
diesen Forderungen befindet sich vor allem Handarbeit ; dazu kommen
dann noch eine bestimmte Höhe Geldes und Geschenke an die Braut,
sowie an die Familie ihres Vaters und ihrer Mutter. Hätte nun das alles
nur die Bedeutung eines Kaufes, so wären Anforderungen sittlicher Natur,
die an den Bräutigam und dessen Familie gestellt werden, ganz aus-
Das Volk der Eweev
57
geschlossen. la Wirklichkeit hat z. B. die Redeweise : „Wer seine Mutter
gut verpflegt, wird auch die Frau gut behandeln", einen tiefen sittlichen
Wert. Auch ließe sich bei dem Gedanken des Kaufs das sittliche Ver-
gehen mit einem Familienglied der Braut nicht als Ehehindernis denken,
was doch tatsächlich der Fall ist. Ermahnungen endhch von dem sittlichen
Ernste, wie sie verständige heidnische Eltern ihrer zum Manne ziehenden
Drei kleine Mädchen in Akpafu,
nur mit Lendenband bekleidet (zu S. 58).
Tochter mitgeben, sind nur da möglich, wo die Basis der Ehe nicht nur
rechtlicher, sondern auch sittlicher Natur ist.
Die ursprünglichste, unter den Eiheexn theoretisch anerkannte
Form ist die Einehe. Der Theorie steht aber die Praxis gegenüber,
daß Häuptlinge und andere begüterte Männer in der Vielehe leben. Die
Erwägungen, welche einen Mann bestimmen, zu der ersten eine zweite oder
dritte Frau zu nehmen, sind gewöhnlich auf die körperliche oder
5
58 Drittes Kapitel.
geistige Beschaffenheit der ersten Frau, auf eigenartige An-
schauungen über die Menstruation und eudhch auf das Verlangen nach einer
möghchst großen Kinderschar zurückzuführen. Ist in Ho die zuerst ge-
heiratete Frau etwa kränklich und unfähig, ihrem Manne bei den Feld-
geschäften zu helfen, so führt das gewöhnlich zu einer zweiten Heirat.
Dasselbe Ergebnis haben Streitsucht, Faulheit und Diebsgelüste der ersten
Frau. Will sie nicht ganz auf die Seite gesetzt werden, so muß sie sich
von jetzt ab anstrengen, sich das Wohlgefallen ihres Mannes durch Fleiß
und Wohlverhalten zu erwerben. In welchem Maße das aber erreicht wird,
zeigte mir vor Jahren ein Erlebnis in der Hütte des Häuptlings von
Amedzowe. Der alte Dorfvater war damit beschäftigt, Mais auf seinem
Herde zu rösten, wobei ihm seine beiden Frauen zuschauten. Auf meine
Frage, warum ihm denn nicht eine seiner Frauen diese Arbeit besorge
antwortete er: „Bea-uftrage ich diese damit, so wird jene mir böse, und bitte,
ich jene, so zürnt mir diese." Ein anderer Beweggrund liegt darin, daß
dem Inlandbewohner der monatliche Blutabgang der Frau ein Greuel
ist. Die Frauen mancher Häuptlinge, Priester und Zauberer haben sich
während dieser Tage nur in ihrer eigenen Hütte oder gar außerhalb des
Gehöftes aufzuhalten, und müssen es strenge vermeiden, mit Stuhl oder Matte
ihres Mannes in Berührung zu kommen. An der Küste, wo diese eigen-
artigen Anschauungen nicht bestehen, kommen sie natürlich als Grund für
die Vielehe in Wegfall. Umsomehr ist für sie — aber auch für alle andern
£'tt'<?stämme — das Verlangen nach vielen Kindern ein Beweg-
grund zum Eingehen der Vielehe. Hat eine Frau Jahre nach iln*er Ver-
heiratung noch kein Kind bekommen, so ist das die Wurzel beständigen
Streites. Für beide Teile ist es ein täglicher Schmerz, wie die vielleicht
jüngere Nachbarin schon lange mit dem Ehrennamen: „Mutter des iTo^"
oder „der ^6ra" gerufen wird, während man sie selbst nur mit ihrem
gewöhnlichen Namen nennut. In früheren Jahren hat deswegen mancher
Mann seiner Frau eine Sklavin als Ersatz für das vermißte Kind gekauft.
Wie wird nun aber die polygame Ehe von den Eingebornen
selbst beurteilt? Schon die Anschauungen über die eheliche Beziehung
des Himmels zur Erde weisen auf die Einehe, desgleichen ihre Anschauungen
über den Menschen. In seiner präexistenten Daseinsweise lebte jeder
Mann mit einer einzigen Frau zusammen, und es ist für den Haus-
frieden des Mannes im Diesseits von größter Wichtigkeit, daß er hier
diejenige Frau bekommt, mit der er schon im Jenseits verbunden
war. Stillschweigend nimmt man an, daß die zuerst geheiratete Frau des
Mannes auch seine präexistente Frau sei. Nur sie ist sein rechtmäßiges,
ihm von Gott und der Geistermutter gegebenes Weib, mit der allein er in
Friede und Eintracht leben kann. Hat aber die Frau einen andern Mann
und dieser eine andere Frau, so greifen der Mann oder die Frau des
Jenseits fortgesetzt störend in den Hausfrieden ein und müssen deshalb
durch Opfer und Gaben versöhnt werden. An der Küste herrscht zwar
der Jenseitsglaube in dieser ausgeprägten Form nicht; aber der Onkel
mütterlicherseits sorgt seinem Neffen nur für die erste Frau; die Heirat
einer zweiten und dritten ist seine eigene Sache. Aber das vernichtendste
Urteil der Eingebornen tritt zuweilen in Streitigkeiten zu Tage, in welchen
Das Volk der Eweer.
59
etwa ein Monogamist einem in der Vielehe lebenden Nachbarn zuruft: „Ich
habe nur eine einzige Frau und bin kein Wollüstling, der viele Frauen in
seinem Hause aufspeichert!" Daher kommt es auch, daß eine zweite und
dritte Frau dzidzqmi^ »Ding der Freude", und dekahpuinu, „Sache des Jung- ^
lings", genannt wird. Gewöhnlich sollen Polygamisten auch wirtschaftlich und
sittlich immer tiefer herunterkommen. Im Innern wird gesagt, daß die ganze
Ernte eines Polygamisten von seinen Weibern und Kindern verzehrt Averde.
2. Die Stellung der Frau.
Die Stellung der Frau, welche sie im öffentlichen .und häuslichen
Frauen beim Zurichten eines Festmahls.
Leben einnimmt, wird öfter als eine unwürdige bezeichnet. Es muß zu-
gegeben werden, daß mit der früheren Kriegführung und dem Pfandwesen
viele das weibliche Geschlecht entwürdigende Gebräuche verbunden waren.
Man braucht z. B. nur daran zu erinnern, daß vor alters die Werbung
eines Bundesgenossen immer mit der Auslieferung eines Mädchens an ihn
verbunden w^ar. Ein für eine Schuld in Pfandhaft gegebenes Mädchen
mußte immer auch solange die Frau des Gläubigers sein, bis die Schuld
von den Ihrigen zurückbezahlt wurde.
In welch unterwürfiger Stellung die Männer aber zu ihren Frauen
stehen, geht sehr deutlich aus den Mitteilungen von Kpenoe hervor, in
5*
60
Drittes Kapitel.
denen es heißt: „Bei uns beugen sich die Männer vor ihren Frauen nur
deswegen, daß sie nicht von ihnen verlassen werden." Ich bin selbst
Augenzeuge gewesen, wie in Have bei Woche und in dem Dorf Dzake in
Peki sich aUe Frauen des Dorfes miteinander verbanden und auf einen
Frauenkönigin von Amedzowe.
bestimmten Tag ihre Männer verließen. Die ^a^gfrauen hatten sich dem
König von Nyagho bei Avatime und die von Dzake dem König Kioadzo De
von Feld geschenkt. In beiden Fällen wurden die Männer bestraft und
dazu verurteilt, ihre Frauen zu bitten und sie nach Haus zu begleiten.
Das Volk der Eweer.
61
Bekannt ist, daß es in Avatime eine eigentliche Frauenkönigin gab, welcher
Frauenhäuptlinge beigegeben waren. In gewissen Familienangelegenheiten
konnten die Häuptlinge ohne Zustimmung des Weiberrates keine Beschlüsse
durchführen.
Das Aditata-Spiel (zu S. 62
©
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1
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2
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3 4
B.
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6
Noch soll hier darauf hingewiesen sein, daß die Beratung der Häupt-
linge nach einer Gerichtssitzung der „Gang zum alten Weib" genannt wird,
und daß der Sprecher den Urteilsspruch mit dem Satze einhitet: „Das
alte Weib sagt". Das zeigt, daß die Frau in der Familie und im öffent-
lichen Leben in großem Ansehen steht.
62 ' Drittes Kapitel.
3. Die Kinder.
In den Kindern lebt der Vater fort, und sie allein sorgen ihm für
ein ehrenvolles Begräbnis, bei dem viel Pulver verschossen und Yams und
Fleisch verzehrt wird. Wohltuend ist die Sorgfalt, mit der in manchen
Stämmen die Kinder zur Arbeit und Sparsamkeit erzogen werden. Der
Mangel des Gehorsams im täglichen Leben ist wohl die Hauptschwäche
der Kinder der JEweer. Viele sind nur da gehorsam, wo ihnen ein un-
mittelbarer Nutzen in Aussicht steht. Jedoch ist ein gehorsames Kind all-
gemein beliebt. Wenn nun auch fast immer die Mütter es sind, welche
sich über den Ungehorsam ihrer Kinder beklagen, so werden sie doch
gerade im Kotfall von ihren Söhnen mit großer Aufmerksamkeit
behandelt. Als im Äsantehvieg ein Teil der Eweev vor den heranrückenden
Asanteexn auf die Avaümehevge flohen, trugen die Söhne ihre alten und
kranken Mütter in Nothängematten und auf dem Rücken die steilen Berg-
abhänge hinauf. — Wenn nun auch andererseits die Söhne zuweilen harte
Worte über die Sorglosigkeit ihrer Mütter aussprechen, so betonen sie
andererseits doch wieder, daß sie nur ihrer Mutter Leben und Gesundheit
verdanken. Diese habe sie gepflegt, ernährt und auf dem Rücken ge-
tragen und hätte ihnen in ihrer frühesten Kindheit schon etwas am Leben
tun können, wenn sie sie nicht lieb gehabt hätte.
IV. Die Religion.
In Beziehung auf die Religion ist zunächst die Tatsache festzu-
stellen, daß die Eweer kein Wort dafür haben. Wohl ha'ben sie susuwo
oder „Vorstellungen, Gedanken" über das Göttliche, auch besitzen sie
Ausdrücke für die Betätigung ihres Verhältnisses zum Göttlichen ; aber
einen dem Begriff „Religion" entsprechenden Ausdruck hat die Sprache
nicht. Ihr Verhältnis zum Göttlichen bestimmen die JEweer mit
dem Wort ivo, „macheu, tun", z. B. ivo Maivu, „das tun, was Gott fordert".
Dieses Tun aber wird als ein Dienst, subosubo, aufgefaßt, den der Sklave
seinem Herrn erweist, wobei es nicht sowohl auf die Gesinnung ankommt,
mit welcher der Dienst verrichtet wird, als vielmehr darauf, daß das Ge-
forderte getan wird. Daraus ergeben sich für die Darstellung der Religion
im Sinne der Eweer zwei Gesichtspunkte, nämlich die religiösen Vor-
stellungen und der Kultus. Da sich nun die ganze Religion der
Eweer im Avesentlichen um Götter, Zauberei und Ahnenverehrung dreht, so
sind damit auch die drei Hauptpunkte ihrer Vorstellungen gegeben.
A. Die religiösen Vorstellungen.
1. Die Götter.
Unter den Göttern werden unterschieden Himmelsgötter (dzimawuwo),
Erdengötter (anyimawuwo) und persönliche Schutzgötter (nunuwo).
Das Volk der Eweer. 63
a. Die Himmelsgötter.
Unter den Himmelsgöttern steht der große Gott an der Spitze,
den die Eiheev im Bilde des Himmels erfaßt zu haben scheinen. Während
nun die einen im sichtbaren Himmel Gott anschauen, so scheinen für die
Tieferdenkenden die Wolken, das Licht und das Blau des Himmels nur
Schleier und Kleid Gottes zu sein, hinter welchen er selbst unsichtbar
lebt. Gott ist deshalb für sie ein Gott der Ferne und ein verborgener
Gott, von dem man niu^ soviel weiß, daß er einstens die Menschen un-
gehindert mit sich verkehren ließ, dann aber durch Schuld der Menschen
sich in unendliche Fernen zurückzog und dort nach Auffassung der einen
in einem von Feuer umgebenen Räume, nach andern aber in einem Hause
wohnt, das in einem großen, mit Bananen bepflanzten Garten steht. Damit
ist der Gedanke bestätigt, daß Gott vom Himmel getrennt und persönlich
gedacht wird.
In engster Beziehung zu dem großen Gott steht das Götterpaar
Sogble und Sodza. Die Erscheinungsformen beider sind Blitz und
Donner, Sogble, auch Sotsu, „der männliche So", genannt, ist der älteste
Sohn Gottes, den er in zündendem Blitze und mächtigen Donnerschlägen
als seinen Boten auf die Erde schickt, um hier seine StrafurteUe auszu-
richten. Er heißt deshalb auch nughlela, „Verderber". Sodza, auch Sono,
„weiblicher So", genannt, offenbart sich in dem ruhigen Leuchten des
Blitzes und dem leise nachrollenden Donner. Es entspricht ganz der weib-
lichen Natur, wenn Sodza bei ihrem erzürnten Gemahl Sogble Fürbitte für
die Menschen einlegt; wenn dieser nämlich gewaltig donnert und droht, die
Menschen, welche Gott gemacht, zu zerschmettern, so ermahnt sie ihn:
Halt ein, halt ein! Auch die übrige Tätigkeit der beiden Götter ent-
spricht dem männlichen und weiblichen Charakter. Während Sogble den
Krieger aus seinen Gefahren errettet, bewacht Sodza Haus und Hof, daß
ihnen nichts Böses zustoßen kann; und während der erstere den jungen
Mann tüchtig zur Arbeit macht, so ist Sodza als Regenspender die Mutter
des Wachstums, der Feldgewächse.
Zu diesem Götterpaare gesellt sich noch Soivlui, der Gott der
Kaurimuscheln und Diener Gottes. Er verwandelt seinen Günstlingen im
Laufe der Nacht Bohnen, Korn und Erdnüsse, welche sie in Töpfen auf-
bewahrt hatten, zu lauter Kaurimuscheln. Seinem Charakter nach wird er
als Dieb bezeichnet, der seine Gaben vorher stehle, ehe er sie jemand gebe.
b. Die Erdengötter.
Eine zweite, den Menschen viel näherstehende Götterklasse sind die
anyimawuwo, Erdengötter, im JS'ti^dande auch trdioo und bei uns
wohl mit Unrecht Fetische genannt. Sie haben ihre Wohnsitze
auf Bergen, an steilen Felsabhängen, in Schluchten und Höhlen, in Bäumen,
Quellen und Flüssen. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Vermittlung des
Verkehrs zwischen den Menschen und dem fernen Himmelsgott. Vermöge
ihrer unsichtbaren und mehr geistigen Natur können sie die weiten Räume
zwischen der Erde und dem Himmel in einem Augenblick durchmessen.
64
Drittes Kapitel.
Ihre Botengänge aber lassen sie sich von ihren Auftraggebern teuer bezahlen.
Sie sind mit der übermenschlichen Kraft ausgerüstet, über die Erde Trocken-
heit und verheerende Stürme und über die Menschen Krankheiten kommen
zu lassen, auch bestrafen sie diese mit plötzlichem Tod. Einzelne Menschen
und Städte führen ihr Leben und Wohlsein auf den Einfluß eines Erden-
gottes zurück und nennen sich deswegen in besonderem Sinne seine Kinder.
Eingeteilt werden sie in einheimische und ausländische Götter. Die
Klasse der einheimischen setzt sich zusammen aus den ältesten, sogen.
Erbgötter u, die sie bei ihrer Einwanderung aus ihrem Stammsitz
Amedzowe mitgebracht haben. Ihre Zahl vermehrte sich im Laufe der Zeit
Eine Oötzenhütte
mit Opferschüsseln zu beiden Seiten.
durch solche Götter, die an ihren jetzigen Wohnsitzen entstanden sind, sowie
aus solchen, die sie von irgend einem Nachbarstamm sich käuflich er-
worben haben. Die Heimat der ausländischen ist im Westen und
Osten des ^i^^landes, also auf der Goldküste, einschließlich Asante und
Äkivamu, und in Dahome und Yoruha. Von der Goldküste z. B. stammen
die Götter Fofie und Dente, aus Dahome und Yoruha kamen Afa, „Zeichen-
deuterei und Wahrsagerei", sowie der einen großen Teil des Uwelandes
beherrschende Geheimbund der YeweveTehreT. Diese eingewanderten Götter
können unter die Zahl der Erbgötter aufgenommen werden, wodurch ihr
Dienst erblich wird und der Priesterdienst vom Vater auf den Sohn über-
geht. Ist das aber nicht geschehen, so gehören sie der großen Zahl der
Das Volk der Eweev.
65
Wandergötter an, die beim Ableben ihrer Priester nicht in derselben
Familie bleiben, sondern auf andere überspringen, also „wandern".
An der Spitze der ältesten Götter steht die Erde, die im ganzen
nördlichen Teil des EwelsLudes unter dem Namen mia no, „unsere Mutter",
verehrt wird. Sie ist die Frau des Himmels und hat im Bunde mit ihm
Menschen, Tiere und Pflanzen, ja sogar die Erdengötter erzeugt. Sie ist
die große Ernährerin alles Lebendigen, die „nicht einbricht, auch wenn
Ein Yewepriester.
ihr Feind auf ihr geht". Für die spätere Entstehung und den Kauf der
Erdengötter sind auf den nachfolgenden Blättern einige Beispiele mitgeteilt.
c. Die persönlichen Schutzgötter.
Eine dritte Klasse von Göttern sind die personlichen Schutzgötter,
die über Glück und Unglück des Menschen verfügen. Sie haben z. T.
ihren Sitz in Amedzowe, der Seelenheimat, z. T. auch bei dem Menschen
66
Drittes Kapitel.
selber. Zu der ersten Klasse gehören die Geistermutter, der Mann und
die Frau des Jenseits, besonders aber der ghetsi, „das hinterlassene Wort",
von dem es ein gutes und ein böses gibt. Die Namen der beim Menschen
selbst wohnenden Schutzgötter sind : der aklama, der allezeit hilfsbereite
Zaubermittel für die Jagrd.
Obere Reihe: 1. Armband, gibt Kraft zur Überwindung jedes Zaubers.
2. Schere mit der Spitze eines Antilopenhornes, gibt offene Augen zur Ent-
deckung des Wildes. 3. Behälter mit Pulver, das auf die Wildspnren gestreut,
das Wild zur Rückkehr zwingt. — Untere Reihe: 1. Schnüro, die um Hals
und linke Hand gewickelt, das Platzen der Flinte verhüten. 2. Armschmuck.
3. Hölzer, die Verwünschungen solcher Leute unschädlich machen, die mit dem
Jagdfleisch unzufrieden waren. 4. Gürtel, der kugelfest macht.
Segenspender, sowie dzoghe und kpegbonola, dessen Aufgabe es ist, die
Lebensjahre der Menschen dem Tod gegenüber zu verteidigen.
2. Die Zauberei.
Der Glaube an die geheimnisvolle Kraft des Zaubers ist im ganzen
^weiande bei Männern und Frauen tief eingewurzelt, und sie bringen ihn
Das Volk der Eweer.
67
in den verschiedensten Lebenslagen zur Anwendung. Der Zauber heißt
dzo, „Feuer", und derjenige, der ihn besitzt, ist ein dzoto, „Feuerbe-
sitzer". Die Anwendung des Zaubers heißt sa, „binden, knüpfen", also
die Kraft des Zaubers irgendwo festbannen, was gewöhnlich äußerlich
durch Umbinden von Schnüren und dergl. geschieht. Der Zauber kann
einen Gegenstand wieder verlassen and ist dann entwertet, weil seiner
Kraft „entleert".
Im allgemeinen ist zu unterscheiden zwischen der privaten und der
im Rechtsleben zur Anwendung kommenden Zauberei.
Eiue Frau bei Ausübung- der Wahrsagerei.
a. Die Zauberei im Privatleben.
Wie schon bemerkt, treiben die meisten Heiden für sich und ihre
nächsten Familienangehörigen Zauberei. Dieselbe ersetzt ihnen die
Hausapotheke. Sie erwerben sich dazu überall, wo es Gelegenheit
gibt, Zaubermittel, welche gegen die Einflüsse böser Götter, Geister und
Menschen in Anwendung gebracht werden. Während sich nun die einen
damit auf den einfachen Hausgebrauch beschränken, lassen sich andere
auf einen gewerbsmäßigen Beti'ieb der Zauberei ein, wozu sie sich je nach
ihren Vermögensverhältnissen möglichst viele Zaubermittel käuflich erwerben.
Wie bei uns hierzulande der Arzt, so wird im Eweland der Zauberer
68
Drittes Kapitel.
ZU einem Kranken gerufen, der dann nach Feststellung der Krankheits-
ursachen auch die entsprechenden Zaubermittel in Anwendung bringt.
Unter dieser Klasse von Menschen soll es auch solche geben, die
zwar über eine große Zahl von Zaubermitteln verfügen, sie aber vor der
Öffentlichkeit geheimhalten. Sie sind die gefurcht etsten Menschen,
weil sie oft mit scharfen Giften ausschließlich im geheimen wirken. Sie
gehen immer darauf aus, einen ihnen mißliebig gewordenen Menschen
unbemerkt aus dem Leben zu schaffen. Zu diesem Zweck bringen sie
Gift in sein Getränk, seine Schüsseln und Teller, ja sogar in den Herd,
^?^=^^^^ ^
,Mt.,.\M
Ein mit Zauberinitteln ausg-erüstetei- Krieger.
auf dem die Speisen gekocht werden. Sie vergraben zauberkräftige Dinge,
wie z. B. Antilopenhörner, Kaurimuscheln, gebrauchte Maiszapfen und dergl.
unter dem Türeingang ins Gehöfte oder auf dem Acker des Feindes.
Wird jemand als geheimer Zauberer entdeckt, so kennt die Volkswut kein
Mitleid mehr mit ihm, und er wird gewöhnlich auf die grausamste Weise
hingerichtet.
b. Die Zauberei im Rechtsleben.
Eine andere Seite der Zauberei kommt im aka, dem „Gottesurteil"
zum Ausdruck. Die Übersetzung „Gottesurteil" deckt sich zwar nicht mit
Das Volk der Eweer. 69
dem Wort, wohl aber mit dem Sinn, den es in der Volksanschauun» hat.
Wie dzo die Zauberkraft hauptsächhch die Wiedergenesung Kranker und
den Tod unliebsamer Menschen bewirkt, so tritt sie im aka für Recht oder
Unrecht ein und wird deshalb ausschließlich im Gerichtswesen angewandt.
Beide Zauberformen sind unpersönHch und treten nur auf Befehl und nach
dem Willen ihres Besitzers in Tätigkeit. Während aber derjenigen Dinge
in welche der Zauber hineingebannt wurde, Legion ist, so beschränkt sich
das aka auf etliche wenige Arten, die weithin im Lande bei Rechts-
streitigkeiten angewendet werden. Da besteht z.B. die eine darin
daß der JA;abesitzer dem Angeklagten heißes Öl in die Hand gießt; dem
Schuldigen verbrennt es die Hand, der Unschuldige dagegen empfindet
keine Schmerzen, behält das öl ruhig in der Hand und salbt sich damit
ein. Das Geheimnis ist leicht zu erraten : Es wurde ihm statt siedendem
nur warmes öl in die Hand gegossen. Eine andere Art besteht darin
daß den zu prüfenden Männern mit einem glühenden Eisen das Schienbein
gebrannt wird. Derjenige nun, welcher keine Schmerzen dabei empfindet
wird als unschuldig erklärt. Auch hier beruht das Ergebnis auf Betrug,
der dadurch ermöglicht wird, daß dem einen mehr und dem andern weniger
von der schleimigen Masse an das Bein gestrichen wurde, die die Wirkungen
des glühenden Eisens abschwächt.
Wie die erste Art, so wird auch diese gekauft, wobei Käufer und
Verkäufer Blutsbrüderschaft schließen. An die Erwerbung schließt sich
dann noch eine öffentliche und feierliche Weihe, in welcher der aka im
Beisein von Zeugen geprüft wird. Die Akahes'itzer sind unter dem Volke
gefürchtet und bilden untereinander einen engen Verband, in dem man sich
auf weite Entfernungen hin gegenseitig über die neuesten Vorgänge auf dem
Laufenden erhält.
3. Der Mensch,
a. Abstammung.
Der Leib des Menschen ist von Erde und wurde von Gott „ge-
bildet", dessen Hauptarbeit es heute noch ist, menschliche Körper zu formen.
Zur Herstellung eines menschlichen Körpers braucht Gott die Kinnlade eines
verstorbenen Menschen und Töpferton, den er knetet und formt. Für die
Herstellung seines Körpers gebraucht der Eweer die Worte me, „formen"
und wo, „machen". Anders verhält es sich mit der geistigen Seite seines
Wesens, sagen wir kurzweg, seiner Seele. Sie stammt aus der Seelen-
heimat Ämedzoihe, wo sie von der Geistermutter „geboren wurde" und
nach ihrer Geburt ein selbständiges Dasein führte, das Ähnlichkeit hat
mit dem Leben im Diesseits. Als diesseitiger, mit Leib und Seele begabter
Mensch wird er erst im Diesseits von Menschen geboren. Einer Geburt im
Diesseits ging die Verabschiedung im Jenseits, der Seelenheimat, voraus.
Dabei gab die Geistermutter dem Scheidenden verschiedene Segenssprüche
mit. Er seinerseits versprach dort, bis wann er wieder zurückkehren
werde. Dieses Versprechen wird ghetsi, das „hinterlassene Wort" oder das
j, personifizierte Versprechen" genannt.
70 Drittes Kapitel.
b. Beschaffenheit.
Aus dem Jenseits brachte der Mensch auch sein Lebensgeschick,
sowie einen fertigen Charakter mit ins Diesseits. Ein gutgearteter
Mensch war dort schon gut, und ein mit Schlechtigkeiten behafteter Mensch
war dort schon schlecht gewesen. Daher kommt es, daß viele ihre gesetz-
widrigen Handlungen mit der Redeweise entschuldigen: „Das ist eben meine
Art von der Seelenheimat her." Wenn solche sich haben etwas zu schulden
kommen lassen, die mit einem „guten Charakter" in diese Welt herein-
gekommen sind, so führen sie die Ursache davon auf den Einfluß eines
bösen ghetsi aus dem Jenseits oder auch eines bösen Erdengottes zurück.
Angesichts dieser Anschauungen ist es merkwürdig, daß der Mensch
nicht nur unter dem Einfluß seines aus dem Jenseits mitgebrachten
Charakters, sondern auch unter der Leitung seines Herzens im
Diesseits handelt. Die Glieder werden deswegen auch als die Unter-
gebenen des Herzens angesehen, und ehe sie eine böse Handlung ver-
richten, wehrt ihnen das Herz ab, „es spricht Worte". Die Versuchung
geht durch die Vennittlung des Auges oder Ohres von Dingen aus, die
außerhalb des Menschen sind, aber nie vom Herzen. Die Wirkungen der
bösen Tat sind die, daß das „Herz dem Menschen etwas sagt", daß es „sich
bewegt", „unrvdiig ist", „sich fürchtet". Diese Tätigkeit des Herzens nach
der bösen Tat bestimmt manchen Menschen, seine Schuld zu bekennen und
Abbitte zu tun. Andere treibt sie auch in den Tod, wie das aus der Fabel
der Tsentse und dem Gresang des Vogels deutlich zu ersehen ist.
c. Das Lebensziel.
Der Tod ist zwar die Grenze des irdischen Lebens, nicht aber
die Vernichtung seiner persönlichen Existenz. Der Mensch
stirbt erst dann, wenn die von ihm selbst bestimmte Lebensdauer ab-
gelaufen ist. Nach ihrer Loslösung vom Leibe geht die Seele seufzend
einher und stört ihre Hinterbliebenen. Sie klopft an ihre Türe oder geht
als weiße Gestalt auf der Dorfstraße umher, wo sie die ihr im Leben un-
angenehm gewordenen Menschen mit Steinen wirft; dann aber muß sie
wandern, und das Ziel ihrer Reise ist die Unterwelt. Aber auch diese ist
nur ein Durchgangsort, von der sie über kurz oder lang wieder ins Dies-
seits zurückkehrt, wo sie als Mensch in ihrer Familie oder aber in gewissen
Tieren ihr Dasein fortsetzt. Die Fabel von Safudu Kwaku beweist jedoch,
daß manche Menschen nach ihrem Tode auch sofort von Gott in den
Sonnenaufgang versetzt werden.
B. Kultus.
1. Verehrung der Himmels götter.
a. Verehrung des „großen Gottes".
Wenn gesagt wird, daß in Afrika die Gottesverehrung hinter den
Geisterdienst zurückgetreten sei und ganz vernachlässigt werde, so stimmt
Das Volk der Eweer.
71
das mit den Tatsachen im ^'it'^'lande nicht überein. Wohl kann ein Zurück-
treten, nicht aber eine gänzhche Vernachlässigung festgestellt werden. Auch die
Behauptung des Engländers Ellis, daß Gott, obgleich der mächtigste aller
Götter, nie direkt Opfer dargebracht werden, und daß selten zu ihm gebetet
werde, ist nicht unbedingt richtig. Versteht man unter dem höchsten Gott den
Ein Opferplatz
mit zwei .4M?/abäumen, unter denen Branntweinflaschen liegen (z. S. 72).
Himmel, so ist daraufhinzuweisen, daß es besondere Himm eispriest er
gibt, die beides, Opfer und Gebete, darbringen. Wenn z. B. der Himmels-
priester in Ho zum Himmel betet: „0, unser Vater und unser Herr! Wir
danken dir; aber siehe, wie unser Land so trocken ist! Es ist sehr dürre,
und wir müssen hungern. Gib, daß es heute, heute noch regnet!" — so
72 Drittes Kapitel.
ist das ein unmittelbar an Gott gerichtetes Gebet. Außerdem bringt der
Priester Gott jedes Jahr unter Gebet ein Stück Yams als Opfer dar, den
er speziell für diesen Zweck gepflanzt hatte. Versteht man unter dem
„großen Gott" den göttlichen und personifiziert gedachten Segen, so
stimmen die Beobachtungen von Ellis wieder nicht, weil er nicht nur
wöchentlich und monatlich, sondern auch jährlich verehrt wird. Wie der
Priester des Himmels, so muß auch der Priester des „großen Gottes" sich
durch Waschungen, Betupfen des Körpers mit weißer Erde und Anlegen
einer weißen Kleidung für den Dienst vorbereiten. Selbst sitthche Rein-
heit wird wenigstens für diese Handlungen von ihm gefordert. Als Opfer-
tier darf nur ein ganz weißes Schaf genommen werden, das der Priester,
bevor es geschlachtet wird, dreimal gen Himmel hält.
b. Verehrung der Götter Sodza und Sogble.
Wer sich länger mit der Religion der Etheex beschäftigt hat, wird
sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß vielerorts Sodza als der
„große Gott" angesehen wird und Sogble, obgleich sein Gemahl, doch auch
Lehmg^ötzen und Opferschüsseln (zu S. 73).
wieder sein Diener ist. Wie dem aber auch sein mag, auch zu ihm wird
gebetet, auch werden ihm Opfer, bestehend in Yams und weißen Schafen,
dargebracht. Ja noch mehr, bei der Verehrung der Erdengötter wird das
ihnen zugedachte Opfer neunmal gen Himmel gehalten, und der Priester
bietet es zuerst dem Gott Sodza, der mächtigen Mutter des Wachstums,
als sein Opfer an, und nun erst werden die Erdengötter, denen das Opfer
gilt, angeredet. Neben dieser unmittelbaren Verehrung wird freilich auch
Sogble als Vermittler des Gebets gedacht; aber auch zu ihm selbst wird
gebetet, und das für ihn bestimmte Opfer darf nur in einem weißen Schaf
stbeehen.
2. Verehrung der Erdengötter.
Wie die Verehrung der Himmelsgötter, so knüpft sich auch die der
Erdengötter an feste Zeiten oder auch an zufällige Ereignisse, wie Krieg,
Seuchen und tem-e Zeit. An den Opferhandlungen beteiligte sich in
früheren Zeiten der ganze Stamm oder die Stadt, welche die Schützhnge
des Gottes waren, dem sie galten. Das Opfertier, gewöhnhch eine Ziege,
wurde unter Gebet in die Höhe gehalten und dem Gott mit der Einladung
angeboten, er solle kommen und sein Opfertier in Empfang nehmen.
74 Drittes Kapitel.
Dann drückte man den Kopf des Tieres in eine mit Wasser gefüllte Grube,
und, während die einen ihm Maul und Kehle zudrückten, mißhandelten es
die andern, bis es verendete. Der Schluß wurde mit Opfermahlzeit und
Segenspendung von selten des Priesters beschlossen. Letztere bestand
darin, daß die Verehrer mit einem auf dem Opferplatz angerührten Schlamm
bestrichen wurden.
3. Verehrung der persönlichen Schutzgötter.
Bei dieser handelt es sich meistens um Darbringung kleiner Lehm-
götzen, die als Tauschmittel angesehen werden, d. h. der Empfänger der-
selben soll sie an Stelle des Opfernden annehmen. Dazu kommen noch
Feldfrüchte und Hühner.
Da von einer öffentlichen Verehrung des Zaubers nicht gesprochen
werden kann, weil es keine gibt, so gehe ich über zum
4. Ahnenkult.
Dieser kommt zum Ausdruck bei den Totenfesten, bei der Verehrung
des königlichen Stuhles, beim Gebet zum Palmenwald und endlich bei der
Verehrung der Sonne.
Den Verstorbenen werden Opfer mitgebracht, wenn die An-
gehörigen den Geist zitieren lassen, um von ihm die Ursachen seines
Todes zu erfahren. Man gießt Wasser und Palmwein auf ihr Grab und
stellt Speisen für sie an den Weg.
Das Schaf, das für den Königsstuhl dargebrachte Opfer beim
Yamsfest, gilt den königlichen Ahnen, die je auf dem Stuhl gesessen waren.
Sollen Palmen zum Palmweinmachen gefällt werden, so wendet
sich das Familienhaupt im Gebet an alle Vorfahren und bringt ihnen ein
Mehlopfer dar. Er bittet sie, ihnen nicht böse zu werden, wenn sie
Palmen fällen, damit keines von ihnen krank werde und der Palmwein
reichlich fließe.
Im Innern beten viele Betrübte zu der aufgehenden Sonne und
wenden sich damit an ihre verstorbenen Angehörigen, denen sie ihren
Jammer klagen oder sie bitten, zu kommen und sie zu sich zu holen,
oder, sie mögen den krank zu Haus liegenden N. N. nicht länger belästigen.
Ihre Opfer bestehen in Kehricht, verbranntem Yams und verbranntem
Mais, das man im Busch da niederlegt, wo die Geräte der Verstorbenen
stehen.
Viertes Kapitel.
Die Erschließung des Landes.
I. Die Norddeutsche Missions-(xesellschaft.
Im Jahre 1847 kamen die Eweer zum erstenmal in dauernde Berülarung
mit den Europäern. Damals begannen die Missionare der Norddeutschen
Missions-Gesellschaft in dem Stamme der Pekier westlich von
Ho, zwischen Volta und Tsavoe gelegen, ihre Missionsarbeit. Der Versuch,
sich gleich im Innern festzusetzen, mißlang. Im Jahre 1853 mußte der
Ausgangspunkt der Missionstätigkeit an die Küste, nach Keta, verlegt
werden. Von hier aus wurde 1856 Waya, 20 Stunden im Innern, be-
setzt, im folgenden Jahre das zwischen beiden Orten gelegene Anyako
und 1859 Ho, damals Wegbe genannt. Diese Stationsanlagen unter der
tropischen Hitze eines unwegsamen, völlig unbekannten Landes, dessen
Bewohner noch keinen Balken bearbeitet, kein Brett gesägt und keinen Stein
gebrannt hatten, bedeuten ein Kulturwerk von nicht geringem Wert. Kaum
hatten die Missionare nach der ersten Bewältigung der Sprachschwierigkeiten
begonnen, das Vertrauen der Leute zu gewinnen und eine Bresche in die
Mauer des Heidentums zu schlagen, als die beständigen kriegerischen
Verwicklungen, zwischen den einzelnen Stämmen im Asante-Kriege
(1869 — 1874) ihren Höhepunkt erreichten. Ho wurde gänzlich zerstört,
Anyako geplündert und muJßte dann ebenso wie Waya aus Gesundheitsrück-
sichten aufgegeben werden. Die Opfer, die das Klima in den ersten Jahr-
zehnten unter der kleinen Arbeiterschar forderte, waren furchtbare. Aber
unerschrocken hielten die Missionare aus und haben dadurch nicht zum
wenigsten zur Erschließung des Ewelandes beigetragen.
Mit dem Wiederaufbau der Station Ho (1875) und der deutschen
Besitzergreifung des Togolandes (1884) begann auch für die Mission eine
Zeit des Wachstums. Neben Keta, wo zuerst auch Hamburger
Diakonissen in die Arbeit eintraten und eine stattliche Kirche gebaut wurde,
traten eine Reihe neuer Hauptstationen. Zunächst wurde die Berg- und
76
Viertes Kapitel.
Gesundheitsstation Amedzowe (1890) eröffnet, von deren Haupthause
Premierleutnaut Herold schrieb :
„Wenn so die Missionare geschickt benutzten, was die allgütige Natur ihnen freigiebig
gewährte, haben sie außerdem ihre Erfahrung mit Klugheit praktisch verwertet, indem sie
in den Grenzen ihrer beschränkten Mittel alle Hilfsmittel der Technik heranzogen, um das
gleichzeitig gesundeste, aber auch stolzeste Bauwerk des Togolandes hier aufzuführen,
welches deshalb ein Muster für alle neu zu errichtenden Massivbauten in den Tropen zu
nennen ist. Da der ganze Bau grundsätzlich mit tunlichst ausschließlicher Benutzung ein-
heimischen Materials durch eingeborene Handwerker und Arbeiter vom Missionar Seeger
ausgeführt wurde, liefert dieser Umstand den glänzenden Beweis dafür, daß die evangelischen
Missionen die Eingeborenen mit großem Erfolge zur Arbeit gewöhnten \ind sich einen
tüchtigen Stamm erprobter Arbeiter erzogen."
Das alte Missionshaus in Wegbe (zu S. 75).
Die zweite Küstenstation wurde 1895 in Lome angelegt, wohin nach
Zerstörung des Strandhauses in Keta die Spedition und Hauptkasse, später
auch der Sitz des Präses verlegt wurde. Eine weitere Bergstation konnte
1901 in Agu eröffnet werden, während die Übernahme der von der
Basler Mission besetzten Ortschaften in der Voltaebene 1905 zur Errichtimg
der Station Akpafu führte, deren Bau den Eingeborenen schon in Akkord
vergeben Averden konnte. Auf allen diesen Stationen bestehen siebenklassige
Schulen, z. T. auch besondere Mädchenschulen, ferner in Amedzowe ein
dreiklassiges Lehrerseminar, während auf den zahlreichen (90) Außen-
stationen einklassige Volksschiden eingerichtet sind. Die Zahl der am
1. Januar 1906 gesammelten Christen betrug 5159, die der Schüler 2939.
Bei ihren Baugeschäften und Reisen, ihrer Schul- und Gemeindearbeit
haben die Missionare dem Sprachstudium und der Erforschung
Die Erschließuno' des Landes.
77
von Land und Leuten viel Zeit gewidmet. Schon im Jahre 1858
veröffentlichte Missionar Bernhard Schlegel in seinem „ Schlüssel der
Ewesprache" die erste Ewegrammatik und „Beiträge zur Geschichte, Weh-
rt
a
und Religionsanschauung des Westafrikaners." Auch die erste Karte des
Ewelandes stammt von einem Missionar, Christian Hornberoer der
die Ergebnisse seiner weiten Reisen und eingehenden Forschunoen 'l867
73 Viertes Kapitel.
in „Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes geographischen
Anstalt" veröffentlichte. Später haben dann die Missionare Zündel, Binder
und Merz, neuerdings Bürgi, Härtter, Spieß und Fies in verschiedenen
wissenschaftlichen und kolonialen Zeitschriften wertvolle Mitteilungen ge-
macht, am umfassendsten Spieth, der auch zusammen mit Missionar
Däuble die 3. Auflage des Neuen Testamentes in der Ewesprache besorgte
und jetzt an der Übersetzung des Alten Testamentes arbeitet. Eine stetig
Missionar Schleg-el, f 185!) (zu 8. 77]
Verfasser der ersten EicegTa.mmatik.
wachsende Literatur für Kirchen- und Schulzwecke ist vorhanden, u. a. auch
ein dreiteiliges ewe-deutsches Übungsbuch. Ein Kalender und ein Vierteljahrs-
blatt, der „Friedensbote", findet viele Leser. Die Ergebnisse der namentlich
von Knüsli, Bürgi und Däuble geförderten Sprachforschung hat dann Missionar
West ermann in seinem 1905 erschienenen „Wörterbuch der Ewesprache"
zusammengefaßt, das nach dem Urteil von Professor Meinhof-Berlin „geeignet
ist in der afrikanischen Linguistik Aufsehen zu erregen, da es neues Licht
in die so dunklen Sprachverhältnisse des Sudan wirft."
Die Erschließung: des Landes.
79
II. Der Handel.
Die Sklavenküste hat Jahrhunderte hindurch einen schändhchen
Handel gesehen, den schmählichen Sklavenhandel, dessen letzte Ausläufer
die ersten norddeutschen Missionare noch mit erlebten. Ihre Wirksamkeit
sollte ohne ihre Absicht dazu dienen, einem soliden Handel die Wege zu
öffiien. Eine direkte Verbindung zwischen dem Ewelande und Europa
war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch nicht vorhanden. Die
Missionare erhielten ihre Post und Waren über Accra, von wo alles durch
Friedrich Martin Yietor, f 1906.
besondere Träger und Boten geholt werden mußte, was sehr kostspielig
und langwierig war. Mit der Ausdehnung der Arbeit wuchsen diese Spe-
ditionsarbeiten. Die Mission sandte daher 1857 den Kaufmann C hristian
Rottmann aus, der außerdem im Aufti-age der Firma F. M. Vietor in
Bremen einen Handel mit den Eingeborenen zur Förderung der Missions-
arbeit in die Wege leiten sollte. Zugleich entschlossen sich die Brüder
Karl und Fritz Vietor zum Bau eines Schuners, der zu billigen Fracht-
sätzen für die Mission Passagiere und Güter direkt von Bremen ins Ewe-
land bringen sollte. Wie wenig die „Dahomey", die am 3. Januar 1858
als erstes deutsches Schiff vor Keta lag, an ein erfolgreiches Geschäft
80
Viertes Kapitel.
dachte, geht daraus hervor, daß sie den Auftrag hatte, von Keta nach
Rio de Janeiro zu gehen, um als Rückfracht Kaffee einzunehmen. Dies war
freihch nicht nötig, da es in Keta bakl zu einem lebhaften Handel kam,
der somit direkt aus der Mission erwachsen ist.
Trotz mancher Schwierigkeiten, namentlich infolge der kriegerischen
Unruhen im Inneren nahm der Handel einen immer größeren Aufschwung,
so daß schon 18(13 ein zweites Schilf, die „Volta", eingestellt werden konnte
und 1868 die Personalunion zwischen dem geschäftlichen Agenten der Mission
und dem Leiter der Handelsniederlassung aufgehoben wurde. Die Firma
F. M. Victor errichtete im Laufe der Zeit verschiedene Faktoreien und
Die ullo lirt'iiier Faktorei in Keta mit der ..Dahomey".
eine ganze Reihe ihrer Angestellten eröffneten selbständige Geschäfte. Eine
Anerkennung für die Bedeutung der hier gemeinsam von der Mission und
dem Handel geleisteten Arbeit war es, daß 1867 eine englische Schiifahrts-
gesellschaft ihre Dampfer in Dzelukowe bei Keta halten ließ. Durch die
Ausdehnung der deutschen Handelsinteressen an der ganzen Küste des
Ewelandes, namentlich in Anecho, und durch den glänzenden Aufschwung
der Wo ermann -Linie in Hamburg Avurde dann die Errichtung der deutschen
Schutzherrschaft vorbereitet.
Die Entwicklung des Handels im einzelnen zu verfolgen, würde
hier zu weit führen. Am 1. Januar 1905 beti'ug die Zahl der in Togo
tätigen Firmen 27 mit 18 Zweigniederlassungen und 149 Verkaufsläden
Die Erschließung des Landes. 81
Mußten die Kaufleute früher ihre Faktoreien nur an der Küste anlegen
und sich auf kurze Reisen „in den Busch" beschränken, so können sie
jetzt ihre Zweiggeschäfte immer Aveiter ins Innere verschieben. Agome
Palime, der vorläufige Endpunkt der im Bau befindlichen Inlandbahn, hat
sich bereits zu einem wichtigeu Handelsplatz entwickelt. Auch in Atakpame,
Kpando, Kratschi und den größeren Plätzen am Mono kommt der Handel
immer mehr in die Hände der Europäer. Von wachsender Bedeutung sind
die mit Hilfe des „Kolonialwirtschaftlichen Komitees" begonnenen Unter-
nehmungen zur Förderung des Baumwollenbaus durch Plantagen (Deutsche
Togo-Gesellschaft) und znr Hebung der Eingeborenenkulturen. Im Jahre
1!)04 hatte die Ausfuhr einen Wert von 3 551358 clC.y die Einfuhr von
G 898 323 ,yfC Unter den Erzeugnissen des Landes sind in erster Linie zu
nennen Palmkerne und Palmöl mit zusammen 1 •223 196 o4C.-, es folgen
Kautschuk mit 712 525 c/IC.^ Baumwolle mit 50 394 ^U, Bei den eingeführten
Waren ist leider in erster Linie der Brannt^vein zu nennen mit 1 741 083 c4C.
(Steigerung gegen 1903 1105 845 oiC. vor der eintretenden Erhöhung des
Zolltarifs für Spirituosen) ; die Baumwollgarne und -Gewebe hatten einen
Wert von 1455 051 c/1L Über den Aufschwung der Schiffahrt ist
bereits oben Seite 27 berichtet.
Welche Bedeutung die Gewinnung und der Umsatz dieser Waren-
mengen auf die Erschließung des Landes und die Entwicklung der
Bevölkerung hat, liegt auf der Hand. Unsere Handelskolonie Togo ist die
einzige, die für ihre regelmäßigen Ausgaben keiner Unterstützung des
Deutschen Reiches bedarf. Auch die Kosten des Bahnbaus werden durch
die Erhöhung der Zölle allmählich zurückgezahlt. Um so betrübender ist
es, daß der Branntweinhan del, der ein Volk physisch, moralisch und
wirtschaftlich zu Grunde richten muß, noch einen solchen Umfang im Ewe-
lande hat. Wie laut hat der 1900 verstorbene Missions-Inspektor D. Zahn
dagegen seine Stimme erhoben. Das oben genannte Haus Victor hat
deutlich bewiesen, daß der Spirituosenhandel, der allerdings leicht erreich-
bare Vorteile bietet, für das Gedeihen eines westafrikanischen Geschäftes
durchaus nicht notwendig ist. Mögen die Bemühungen aller Einsichtigen
sowie die Bestrebungen der „Kommission zur Bekämpfung des westafrikani-
schen Branntweinhandels", wie sie durch deren Geschäftsführer Super-
intendent G. Müller in Schleusingen, noch 1905 in Pest auf dem X. Inter-
nationalen Kongreß gegen den Alkoholismus zum Ausdruck gekommen
sind, den gewünschten Erfolg haben !
m. Die römisch-katholische Mission.
Die Arbeit der katholischen Mission an der Sklavenküste
ist von dem Seminar für afrikanische Missionen in Lyon in Angriff ge-
nommen Avordeu. Schon 1860 wurde das apostolische Vikar iat von
Dahome gegründet, dessen Grenzen Niger und Volta bilden sollten.
Dasselbe erhielt später den Namen „Vikariat der Beninküste", von dem
1882 die apostolische Präfektur Dahome abgetrennt wurde. Das deutsche
Togoland kam zunächst für die im französischen Dahomegebiete gelegene
82
Viertes Kapitel.
Hauptstation Ague in Betracht, von der aus die Nebenstationen Kl. Popo
und Porto Seguro begründet, auch Reisen nach Atakpame unternommen
wurden.
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?
Die weitere Entwickhmg der politischen Verhältnisse führte 1892
Begründung der apostolischen Präfektur Togo, deren
der „Gesellschaft des göttlichen Wortes" übertragen wurde,
zur
Missionierung
Die Erschließung des Landes. 83
die in Steyl (Holland) ihr Mutterhaus und in Neuland bei Nelsse sowie
in Mödling bei Wien Filialen besitzt. Am 28. August 1892 hielten die
ersten Sendboten, zwei Priester und drei Laienbrüder, in Lome, wo damals
nm' ein einziger deutscher Beamter wohnte, die erste Messe. Sie über-
nahmen die Arbeit der französischen Katholiken und schlugen ihr Haupt-
quartier zunächst in Klein Popo, dann mit der Verlegung des Sitzes der
deutschen Regierung in Lome auf.
Nach dem letzten allgemeinen Bericht über die Arbeit bestand
1905 das europäische Arbeitspersonal aus 25 Priestern, 10 Laienbrüdern
und 15 Schwestern. Es werden 6 Hauptstationen in Lome, Porto Seguro
und Aneho an der Küste sowie in Atakpame, Agome Palimc und Kpando
im Innern unterhalten. Die 61 Missionsschulen besuchten 2416 Kinder,
darunter 298 Mädchen, ferner zählten 8 Internate 106 Zöglinge und eine
Handwerkerschule 51 Lehrlinge. Die Zahl der Gemeindeglieder betrug
2697. Unter den verschiedenen schönen Bauten verdient die am 21. Sep-
tember 1902 eingeweihte stattliche Herz-Jesu-Kirche in Lome besonders
hervorgehoben zu werden.
IV. Die deutsche SchutzlieiTsehaft.
Das schnelle Wachstum der beiden mit einander wetteifernden
Missionen sowie die erfreuliche Entfaltung des Handels wären nicht möglich
gewesen ohne die deutsche S chutz h errs chaft, der es zu danken
ist, daß die ewigen kriegerischen Verwicklungen der Stämme beendet und
die unwegsamen Landschaften des Innern immer mehr erschlossen werden.
Die Veranlassung zur Besitzergreifung der Sklavenküste
durch Deutschland lag in den Belästigungen, denen deutsche Firmen in
Kl. Popo seitens der eingeborenen Häuptlinge ausgesetzt waren. Anträge
an das Auswärtige Amt führten dazu^ daß im Februar 1884 die Korvette
„Sophie" in Kl. Popo Truppen landete und Kapitän Stubenrauch durch
einen Vertrag Leben und Eigentum der Deutschen sicher stellte. Bald
aber kam es zu neuen Verwicklungen, denen dadurch ein Ende gemacht
wurde, daß der Reichskommissar Dr. Nachtigal mit der „Möve" an der
Küste erschien und am 5. Juli 1884 in Begida und am 16. Juli in
Porto-Seguro die deutsche Flagge hißte. In Kl. Popo war dies nicht
möglich, da dort auch die Franzosen Ansprüche erhoben und zeitweilig
festen Fuß faßten. Dem Eingreifen des Admirals Knorr auf der Korvette
„Bismarck" war es dann zu danken, daß im September 1885 die Küste
von Lome bis Kl. Popo in einer Länge von ungefähr 52 km unter deutschen
Schutz gestellt wurde. Der Sitz der Regierung war zuerst Bagida, dann
Kl. Popo und seit 1894 Lome.
Die Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft und die
Feststellung der Grenzen des Togogebietes hat viel Zeit, nämlich
nicht weniger als 20 Jahre, in Anspruch genommen, erfreulicher Weise
aber wenig Kämpfe und Menschenleben erfordert. Im Hinterlande suchten
Deutsche, Engländer und Franzosen sich gegenseitig den Rang abzulaufen,
indem sie Expeditionen unternahmen, bei denen die geographische Er-
84
Viertes Kapitel.
forschung mit der militärischen Erschließung Hand in Hand ging und
Freundschaftsverträgo mit den Stammeshäuptlingen abgeschlossen wurden. So
kam es, daß die auf diese Weise gewonnenen Einflußsphären der einzelnen
Nationen verworrene Grenzen bekamen, und manche schwierige Fragen zu
lösen waren. In den diplomatischen Verhandlungen lassen sich vier Phasen
deutlich unterscheiden. In den ersten 1888 abgeschlossenen Verhandlungen
wurde die südöstliche Grenze des Schutzgebietes gegen Franz ö -
sisch-Dahome festgestellt, während die Grenzen nach der englischen
Denkmal des Stabsarztes Dr. Wolf in Lome.
Interessensphäre hin fließende blieben. Während die Deutschen 1887
Bismarckburg gründeten und unter Dr. Wolf und Hauptmann von Franyois
his nach Salaga und Tsautscho vordrangen, wurde am 7. Oktober 1886
Peki englisch, ebenso mehr oder weniger der ganze Machtbereich seines
Königs Kwadzo Dey bis nach Kpando und Nkunya im Norden, Avatime
im Nordosten, Ho, Agotime und Adaklu im Osten. Im englisch-
deutschen Vertrage vom L7. Juli 1890 wurde dann die südwest-
liche Grenze festgelegt. Der Keta-Bezirk und Peki und damit der
Unterlauf des Volta blieben englisch, Kpando, Lome und die östlichen
Die Erschließung des Landes.
85
Landschaften kamen an Deutschland, während im Nordwesten ein großes
Gebiet für neutral erklärt wurde. Der Süden der Togokolonie wurde auf
diese Weise allerdings ein geschlossener deutscher Besitz, aber die Scheidung
des Ewelandes in eine kleine englische und größere deutsche Hälfte brachte
manche Unzuträglichkeiten. Um den deutschen Einfluß im Norden bis in
den Sudan hinein zu erweitern, wurde 1894 die deutsche Togo-Expedition
unternommen, die bis zum Niger vordrang, den dann Herr von Carnap
herabfuhr. Die Franzosen waren aber auch nicht untätig gewesen, so daß
bei Festsetzung der nordöstlichen Grrenze durch den Vertrag zu
Paris von 5. Juli 1897 nur ein Gebiet bis nördlich vom 10. Breitengrade
festgehalten werden konnte, wofür freilich Deutschland das sogenannte
Regierung-srasthaus in Amusnkowe (zu S. 86).
Monodreieck und die Schiffahrtsberechtigung auf dem Mono erhielt, während
die Mündung und die Küste zwischen Kl. Popo und Gr. Popo französisch
blieben. Im Nordwesten, wo eine Grenzkommission von 1901/03 tätig
war, Avurden durch den Londoner Vertrag vom 25. Juli 1904 die Ver-
hältnisse endgiltig geregelt. Der ungefähre Flächeninhalt dieses Ge-
bietes beträgt 87 200 qkm.
Die Verwaltungstätigkeit des Schutzgebietes wird ausgeübt
von den Bezirksämtern Lome-Stadt und -Land, Aneho und Misahöhe
mit den Nebenplätzen Ho und Kpando sowie den Regierungsstationen
in Atakpame, Keta-Kratschi, Sokode, Yendi und Sansana Mangu. Von
diesen Orten aus konnte mehr und mehr für die allgemeine Sicherheit
im Lande getan werden, so daß die Stammesfehden aufgehört haben,
86
Viertes Kapitel,
ebenso die üblen Nachwirkungen früherer Kriege für den Verkehr, sofern
auch in Friedcnszeiten Gheder eines Stammes das Gebiet des Feindes
^
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nicht betreten durfton. Die niedere Gerichtsbarkeit hat man den
HäuptHngen belassen, Avährend schwerere Fälle den deutschen Beamten und
Die Erschließung des Landes. 37
dem Gericht in Lome unterstehen. An diese Instanzen hat jeder das
Recht der Berufung, so daß trotz aller Schwierigkeiten, wie sie durch die
andren Rechtsanschauungen und die Sprache bedingt sind, mehr Recht im
Lande herrscht als früher, wo die Leute vielfach der Willkür der Häupt-
linge und Priester preisgegeben Avaren. Durch diese Rechtspflege wird
auch die Ausrottung heidnischer Unsitten, wie z. B. Giftmischerei,
Sklavenraub augebahnt. Um die Besserung der Gesundheits-
verhältnisse bemühen sich die Regierungsärzte durch Bekämpfung der
Malaria, durch möglichste Durchführung des Impfzwanges sowie durch
eifriges Studium der Viehseuchen ; auch der Lepra hat man einige Auf-
merksamkeit zugewendet. Die Förderung der geistigen Bildung
der Bevölkerung steht noch in den Anfängen. In den beiden Regierungs-
schulen zu Sebbe und Lome sucht man eingeborene Unterbeamte durch
deutsche Lehrer auszubilden. Den Missionen waren bis 190^ für ihre
Schultätigkeit nur je 1000 Mk. bedingungslos ausgesetzt. Seit 1905 ist ein
Lehrplan für den Unterricht im Deutschen zwischen der Regierung und
den Missionen vereinbart und eine wachsende Summe zur Förderung der
deutschen Sprache ausgesetzt.
Die größte Mühe hat die Regierung im Verein mit den Kaufleuten
auf die Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse verwendet.
In erster Linie galt es die Verkehrs- und Transport Verhältnisse
zu bessern, alle Avichtigeren Punkte des Landes sind durch ein gutes
Wegenetz verbunden, das bis an die nördliche Grenze den Gebrauch des
Fahrrades gestattet ; Brücken sind gebaut, Rasthäuser errichtet. Die Wege-
last Avm'de von den Eingeborenen natürlich anfangs nicht immer angenehm
empfunden, bis auch ihnen die großen Vorteile klar Avurden. Es gelang
immer mehr den Handel, der sich bisher in die Flußtäler des Volta und
Mono gezogen hatte, nach Lome zu lenken, zumal seitdem dort 1904 die
Landungsbrücke (Bild s, S. 27) und die Eisenbahn Lome-Aneho
fertig gestellt war. Die Vollendung der Inlandstrecke Lome-Agome-Palime
steht für den Beginn des Jahres 1907 bevor und schon ist die Fortsetzung
bis über Atakpame hinaus ins Auge gefaßt. Postanstalten sind in
Lome, Aneho und Agome Pahme vorhanden und ein schwarzer Postbote
bedient von letzterem Orte aus Avöchentlich die weitere Umgegend. Sodann
ist man auf die Einführung neuer bezw. auf rationellere B etrei-
bungalterKulturen eifrig bedacht gewesen. Nach A^ergebHchen Versuchen
mit Kaffee, Tabak und Kokospalmen hat namentlich das Kolonialwirtschaft-
hche Komitee den Anbau der Baumwolle und des Kakao zu fördern gesucht.
Keben dem Plantagenbetrieb, den die Deutsche Togo-Gesellschaft einzu-
führen sucht, bemüht man sich einen selbständigen Bauernstand zu fördern
durch Sicherung seines Landbesitzes und Anleitung zu rationellem Anbau
in einer BaumwoUenschule soAvie durch Anleitung auf den Regierungs-
stationen.
Alle diese Bestrebungen der Regierung Averden dadurch wesentlich
gefördert, daß verschiedene Beamte wie z.B. der derzeitige verdienst-
volle Gouverneur Graf Zech, Dr. Grüner in Misahöhe und der Führer der
kleinen Polizeitruppe, Hauptmann v. Döhring, schon lange im Lande sind
und mit Hingabe an der Förderung der Bevölkerung arbeiten. ErfreuHch
gg Viertes Kapitel.
ist auch, daß die Zahl der verheu-ateten Beamten zunimmt. In dem
Gouvernementsrat ist ein Organ geschaffen zur gemeinsamen Beratung
der für die Hebung des Schutzgebietes verantwortlichen Faktoren,
Kolonisation, Handel und Mission. Möge ihnen in Togo immer melir ein
friedliches Zusammenwirken beschieden sein zur Vermeidung einer gefähr-
lichen Afterkultur und zur Verwirklichung eines gesunden Fortschrittes
auf dem Wege wirtschaftlicher Hebung, geistiger Bildung und christlich-
religiöser Erziehung !
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